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Die Schlange - ein Märchen aus Italien

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Die Schlange


Es war einmal eine Bauersfrau, die hätte für ihr Leben gern Kinder gehabt, und bekam keine.
Als mm eines Tages der arme Mann in den Wald gegangen war, um Reisigbündel zu sammeln, und sie nach Hause brachte, fand er darin eine hübsche kleine Schlange.
Als Sabatella, dies war der Name der Bauersfrau, dies sah, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Sogar die Schlangen haben ihre Brut, nur ich bin so unglücklich auf dieser Welt, dass ich kinderlos bleiben muss“, worauf die Schlange erwiderte: „Da ihr keine Kinder habet, so nehmt doch mich an Kindesstatt an, denn es wird euch nicht gereuen, und ich werde euch mehr lieben als ein Kind."

 

Sabatella, da sie eine Schlange reden hörte, glaubte anfangs außer sich zu geraten vor Schrecken, fasste jedoch Mut und antwortete: „Wenn auch aus keinem andern Grunde, so will ich dich doch deiner Freundlichkeit halber so lieben, als wärst du mein eigenes Kind."
Damit wies sie dem Schlänglein ein Loch im Hause zur Lagerstätte an, gab ihm von Allein, was sie hatte, mit der größten Liebe zu essen, und da es von Tag zu Tag wuchs und groß wurde, sagte es endlich zu Cola-Mattheo, den es als seinen Vater betrachtete: „Lieber Papa, ich will mich verheiraten."

„Ich bin's zufrieden“, sprach Mattheo, „wir wollen eine andere Schlange aufsuchen, wie du bist, und dieses Bündnis sodann schließen."
„Wozu das“, erwiderte das Schlänglein, „dann werden wir eins sein mit den Vipern und jedem andern Gezücht dieser Art. Wer sich aber mengt unter die Kleie, den fressen die Säue; ich will vielmehr die Tochter des Königs, und daher geh' stehenden Fußes, halte bei dem Könige um dieselbe an, und sage ihm, dass eine Schlange sie zur Frau haben will."
Cola Mattheo, der ein einfältiger Mensch war, ging ohne Weiteres zum Könige, richtete seinen Auftrag aus und sagte: „Boten sind straflos; wisse also, dass eine Schlange deine Tochter zur Frau will, daher komme ich als ein Gärtner, der ich bin, um zuzusehen, ob ich wohl eine Schlange mit einem Täubchen kopulieren könnte."

 

Der König, der ihm an der Nase ansah, dass er ein Tölpel war, sagte, um sich ihn vom Leibe zu schaffen: „Geh' nach Hause, und sage dieser Schlange, dass wenn sie die Früchte dieses Gartens in Gold verwandeln kann, ich ihr meine Tochter geben werde“, und indem er in ein gewaltiges Lachen ausbrach, verabschiedete er den Bauer.
Als Cola-Mattheo diese Antwort der Schlange zurückbrachte, sagte sie: „Geh' morgen früh, sammle alle Fruchtkörner, die du in der Stadt findest, und säe sie in den königlichen Garten, dann wirst du dein Wunder sehen."
Cola-Mattheo, der ein großer Gimpel war, sagte nichts und antwortete nichts, sondern sobald die Sonne mit ihrem goldenen Besen das Kehricht der Schatten zusammenfegte, nahm er einen Korb an den Arm, und ging von Straße zu Straße, alle Körner zusammenlesend, die er von Pfirsichen, Granaten, Aprikosen, Kirschen und allen anderen Früchten etwa fand; ging darauf in den königlichen Garten und säte sie aus, wie ihm die Schlange befohlen, worauf er alsbald gewahr wurde, wie die Stämme der Bäume, die Blätter, die Blüten und die Früchte sich in glänzendes Gold verwandelten, über welches Wunder der König, als er es erblickte, ganz außer sich geriet und nicht wusste, was er davon denken sollte.

 

Als nun Cola-Mattheo von der Schlange zum König geschickt wurde, um ihn zur Erfüllung seines Versprechens anzuhalten, sagte dieser: „Nur nicht zu hitzig! denn wenn die Schlange meine Tochter will, so bedarf es noch anderer Dinge, und zwar muss sie die Mauern und den Boden meines Gartens in Edelsteine verwandeln."
Als diese neue Forderung der Schlange hinterbracht wurde, entgegnete sie: „Geh morgen früh, sammle alle Scherben, welche du auf der Erde findest, wirf sie in die Gänge und auf die Mauern des Gartens, dann wollen wir den König schon fassen."
Und Cola-Mattheo, sobald die Nacht verschwunden, nimmt einen großen Korb unter den Arm, und fängt an alle Scherben von Töpfen, Tiegeln und Stürzen, Näpfen, Krügen, Lampen und allen Plunder der Art auf den Straßen zusammenzulesen. Und sobald er damit getan, wie die Schlange ihm gesagt, sieht man den Garten bedeckt mit Smaragden, Chalcedonen, Rubinen und Karfunkeln, so dass der Glanz davon die Augen blendete, und das Herz mit Staunen erfüllte; bei welchem Schauspiel der König wie versteinert war und gar nicht wusste, wie ihm geschah.
Da ihn aber die Schlange von Neuem an sein Versprechen erinnern ließ, antwortete er: „Was bis jetzt geschehen, ist alles nichts; vielmehr muss dieser Palast ganz mit Gold angefüllt werden."
Als nun Cola-Mattheo diese neue Ausflucht des Königs der Schlange hinterbrachte, sagte dieselbe: „Geh' hin, nimm ein Bündel grüner Kräuter und bestreiche damit den Fußboden des Palastes, dann werden wir sehen, was weiter geschieht."

 


Sogleich machte sich Mattheo ein großes Bund von Heidelbeeren, Portulak, Raute, Kerbel, bestrich damit den Boden des Palastes und sah ihn alsbald von Gold leuchten bis oben hinauf, so dass die Armut hundert Häuser weit sich hätte zurückziehen müssen.
Da nun wiederum der Bauer im Namen der Schlange zu dem König zurückkehrte, um die Tochter von ihm zu fordern, und dieser sich nun wohl gezwungen sah endlich sein Wort zu halten, ruft er die Tochter und sagt: „Liebe Grannonia, um mich über Jemand der dich zur Frau haben wollte, lustig zu machen, habe ich Dinge von ihm gefordert, die mir unmöglich schienen; da ich aber gleichwohl mich nun gezwungen sehe, mein Versprechen zu erfüllen — ich weiß selbst nicht wie — so bitte ich dich, wenn du meine liebe Tochter bist, dass du mein Wort nicht zu Schanden werden lässt, sondern dich in das was der Himmel will, und ich zu tun gezwungen bin, sögest."
„Thu' was du willst, mein Herr und Vater“, antwortete Grannonia, „denn ich werde nicht ein Haar breit von deinem Willen abweichen."
Als der König dies vernahm, sagte er zu Cola-Mattheo, er solle die Schlange herbeibringen; welche denn auch auf einem Wagen, ganz von Gold, von vier goldenen Elefanten gezogen, sich an den Hof begab. Wo sie aber unterwegs durchzog, ergriffen die Leute, ganz entsetzt, die Flucht, da sie eine so große schreckliche Schlange herbeikommen sahen.
Als nun die Schlange in dem Palast anlangte, zitterten und bebten alle Hofleute, selbst die Küchenjungen waren davongelaufen, und der König und die Königin versteckten sich in ein entlegenes Gemach. Nur Grannonia behielt ihren guten Mut, und obgleich der König und die Königin riefen: „Flieh', flieh', Grannonia!“, rührte sie sich dennoch nicht vom Fleck, indem sie sagte: „Ich will nicht vor dem Gemahl fliehen, den ihr mir gegeben habt."
Sobald nun die Schlange in das Zimmer getreten war, fasste sie mit dem Schwanze Grannonia um den Leib, küsste sie, trug sie sodann in ein anderes Zimmer, verschloss die Türe, und, die Haut abstreifend, verwandelte sie sich in einen sehr schönen Jüngling mit goldenen Locken und hell glänzenden Augen, der Grannonia auf das Zärtlichste umarmte, und ihr auf alle nur erdenkliche Art und Weise schmeichelte.
Der König, da er die Schlange mit der Tochter sich in ein Zimmer einschließen sah, sagte zu seiner Frau: „Der Himmel sei unserer armen Tochter gnädig, denn mit der ist es ohne Zweifel vorbei! Diese verdammte Schlange hat sie gewiss verschluckt wie ein Eidotter." Worauf sie die Augen ans Schlüsselloch legten, um zu sehen, was geschehen war.
Als sie jedoch die ungewöhnliche Anmut und Schönheit jenes Jünglings und die Schlangenhaut, die er auf die Erde geworfen, erblickten, sprengten sie die Türe, drangen hinein, ergriffen die Haut und warfen sie ins Feuer, dass sie augenblicklich verbrannte, worauf der Jüngling ausrief: „Ach ihr Verwünschten, was habt ihr mir da getan!“, und sich in eine Taube verwandelnd, stieß er heftig an die Fensterscheibe, dass sie zerbrach, und entflog, wiewohl sehr übel zugerichtet.
Grannonia aber, die sich in einem und demselben Augenblick froh und traurig, glücklich und unglücklich, reich und bettelarm sah, klagte bitterlich über diese Beraubung ihrer Freude, diese Vergiftung ihrer Süßigkeit, über eine so schlimme Wendung ihres Geschickes, die sie allein den Eltern Schuld gab, obwohl diese beteuerten, sie hätten es gar nicht böse gemeint. Jene aber jammerte in einem fort, bis die Nacht herabstieg, und sobald sämtliche Bewohner des Schlosses zu Bette waren, nahm sie alle ihre Edelsteine, und ging durch eine Hintertüre fort, in der Absicht, so lange zu suchen, bis sie das verlorne Glück wieder fände. Indem sie nun die Stadt verließ, geleitet vom Mondenschein, traf sie auf einen Fuchs welcher sich ihr zum Begleiter anbot, worauf Grannonia erwiderte: „Ihr seid mir herzlich willkommen, Gevatter, denn ich kenne die Gegend nicht zu genau."
Sie zogen nun mit einander weiter, und kamen in einen Wald, dessen volle hohe Wipfel sich zu anmutigen Laubzelten verschränkten. Da sie nun vom Gehen müde waren, und sich ausruhen wollten, begaben sie sich unter das dichte Laubdach, wo eine Quelle mit dem frischen Grase spielte, indem sie es mit ihrem klaren Wasser bespritzte.
Sie legten sich auf den grünen Rasenteppich nieder, zahlten der Natur für die Ware des Lebens die schuldige Steuer an Ruhe, und erwachten nicht eher, als bis die Sonne mit ihrem gewöhnlichen Feuer den Schiffern und Booten anzeigte, dass sie ihren Weg fortsetzen könnten, und nachdem sie aufgestanden waren blieben sie noch eine Zeit lang stehen, um den Gesang der kleinen Vöglein mit anzuhören, da Grannonia große Freude daran fand, dem Zwitschern derselben zu lauschen.
Als der Fuchs dies bemerkte, sagte er zu ihr: „Verständest du das, was sie sagen, so wie ich, so wäre deine Freude noch viel größer."
Gereizt durch diese Worte, weil den Frauen ebenso die Neugierde, wie die Schwatzhaftigkeit von Natur angeboren ist, bat Grannonia den Fuchs, ihr doch zu sagen, was er von den Vögeln vernommen habe.
Dieser ließ sich zwar anfangs eine Zeit lang bitten, um desto mehr Neugier für das, was er erzählen wollte, zu erwecken, doch sagte er endlich, dass jene Vöglein von einem Unglück sprächen, welches dem Sohn des Königs widerfahren, der, schön wie ein Gott, der zügellosen Lust einer verdammten Zauberin nicht hätte Genüge leisten wollen, und durch eine Verwünschung derselben auf sieben Jahre in eine Schlange verwandelt worden sei. Schon dem Ende dieser Zeit nahe, habe er sich in eine Königstochter verliebt, und da er sich mit dieser in einem Zimmer befunden, und seine Schlangenhaut abgestreift habe, seien die Eltern des Mädchens aus Neugier hinein gedrungen, und hätten die Haut verbrannt, worauf der Prinz in der Gestalt einer Taube davonfliegend beim Durchbrechen einer Fensterscheibe sich so übel zugerichtet habe, dass ihn die Ärzte aufgäben.
Grannonia, da sie von ihrem Cola reden hörte, fragte sogleich, wessen Sohn dieser Prinz sei, und ob Hoffnung zu seiner Heilung vorhanden wäre; worauf der Fuchs entgegnete, jene Vögel hätten gesagt, er sei der Sohn des Königs von Vallone-Grosso, und dass kein anderes Mittel vorhanden sei die Löcher in seinem Kopfe zu verstopfen, damit die Seele ihm durch diese nicht entflöhe: als ihm die Wunden mit dem Blute der nämlichen Vögel zu bestreichen, welche dies vorhin erzählt hätten.
Bei diesen Worten kniete Grannonia vor dem Fuchse nieder, und bat ihn inständigst, ihr doch die Liebe zu erweisen, jene Vögel zu fangen, um ihnen das Blut abzulassen; sie wollten als treue Freunde den Gewinn alsdann auch mit einander teilen.
„Nur langsam“, sagte der Fuchs, „wir wollen die Nacht abwarten; wenn dann die Vögel zur Ruhe gehen, so laß mich nur machen, ich steige hinauf und erwische sie einen nach dem andern.
So brachten sie denn den Tag über zu, indem sie bald von der Schönheit des Jünglings redeten, bald von dem Vater der Jungfrau, bald von dem Unglück das ihr zugestoßen, bis die Nacht endlich einbrach. Als der Fuchs nun die Vögel auf den Zweigen in Ruhe sah, stieg er ganz leise und vorsichtig hinauf, und erhaschte alle Finken, Stieglitze, Fliegenschnepper, und alle, die sich nur auf den Bäumen befanden, tötete sie, und fing das Blut in einer kleinen Flasche auf, die er bei sich trug, um sich unterwegs daraus zu erquicken.
Vor lauter Freude hing Grannonia der Himmel voller Geigen; der Fuchs aber sagte: «Liebe Tochter, deine Fröhlichkeit ist umsonst, denn du hast gar nichts getan, wenn du nicht zugleich, außer dem Blut der Vögel, auch das meinige besitzest"; und mit diesen Worten ergriff er die Flucht.
Grannonia, welche ihre Hoffnung vernichtet sah, nahm zur gewöhnlichen Kunst der Frauen, der List und der Schmeichelei, ihre Zuflucht, indem sie zu ihm sagte: „Gevatter Fuchs, du hättest Recht, dir dein Fell zu hüten, wenn ich dir nicht so sehr verpflichtet wäre, und es nicht andere Füchse noch in der Welt gäbe. Da du jedoch weißt, wie viel ich dir verdanke, und dass es an deines Gleichen auf diesen Feldern nicht fehlt, so kannst du dich getrost auf mich verlassen, und darum handle nicht wie die Kuh, welche den Eimer mit dem Fuß stößt, nachdem sie ihn mit Milch angefüllt; bleib' stehen, verlasse dich auf mich und begleite mich in die Stadt dieses Königs, damit er mich von dir als Magd kauft."
Der Fuchs, dem es nie in den Sinn gekommen war, dass selbst ein Fuchs hintergangen werden könnte, sah sich von einem Weibe hinter das Licht geführt; denn kaum hatte er eingewilligt mit Grannonia zu gehen, und hatte noch keine fünfzig Schritte mit ihr gemacht, als sie ihm mit dem Stock den sie trug, einen solchen Hieb auf den Kopf versetzte, dass er die Beine von sich streckte, worauf sie ihn vollends totschlug, das Blut ihm abließ, und in das Fläschchen goss.
Sodann fing sie an tüchtig drauflos zu laufen, bis sie Ballone-Grosso erreichte. Dort begab sie sich gerades Weges in den königlichen Palast und ließ dem Könige zu wissen tun, sie sei gekommen, den Prinzen gesund zu machen.
Der König ließ sie alsbald vor sich kommen, verwundert, dass ein Mädchen ihm dasjenige verheiße, was doch die geschicktesten Ärzte seines Reiches nicht im Stande gewesen waren. Weil Indes ein Versuch nichts schadet, gestattete er ihr gern denselben anzustellen.
Grannonia aber erwiderte ihm: „Wenn ich zu Stande bringe was ihr wünschet, so müsst ihr versprechen mir euern Sohn zum Gemahl zu geben."
Der König, welcher seinen Sohn schon aufgegeben hatte, versetzte hierauf: „Mach' ihn nur wieder frisch und munter, so sollst du ihn haben, wie er leibt und lebt. Denn es will nicht viel sagen einen Mann derjenigen zu geben, die mir einen Sohn gibt."
Und so gingen sie denn in das Zimmer des Prinzen. Nicht sobald hatte Grannonia den Prinzen mit seinem Blute bestrichen, als er sich aller Krankheit los und ledig fühlte. Da nun Grannonia ihn munter und gesund erblickte, sagte sie zu dem Könige, er solle jetzt sein Wort halten, worauf sich dieser zu seinem Sohn wandte und sprach: „Mein lieber Sohn, schon hielt ich dich für tot und sehe dich wieder lebendig, da ich es am wenigsten vermutete; da ich nun dieser Jungfrau versprochen habe, im Fall sie dich wieder gesund mache, dich ihr zum Ehegemahl zu geben, und der Himmel mir gnädig gewesen ist, so mache dass ich mein Versprechen erfülle, wenn du mich irgend lieb hast, denn die Pflicht der Dankbarkeit zwingt mich, diese Schuld zu bezahlen."
Bei diesen Worten erwiderte der Prinz: „Mein Herr und Vater, ich wollte, dass mein Wille so frei wäre, als meine Liebe zu euch groß ist. Da ich aber bereits mein Wort einem andern Weibe gegeben, so werdet ihr selbst nicht einwilligen dass ich mein Versprechen breche, und diese Jungfrau selbst wird mir nicht raten, dass ich eine so große Unbill derjenigen zufüge, die ich liebe, und dabei muss ich beharren."
Als Grannonia diese Worte hörte, und die Erinnerung an sich in dem Gedächtnis des Prinzen noch so lebendig sah, empfand sie eine unsägliche Freude, und sagte, wie mit Scharlach übergossen: „Wenn ich nun machte, dass die von euch geliebte Jungfrau mir ihre Rechte abträte, würdet ihr euch noch meinem Wunsche entziehen?"
„Fern sei es von mir“, erwiderte der Prinz, „dass ich das schöne Bild meiner Liebe je aus meiner Brust verscheuche. Was auch immer ihr Verfahren sei, immer wird mein Wille und mein Sinn derselbe bleiben, und wenn ich selbst in Gefahr wäre, meinen Platz am Tische des Lebens zu verlieren, so würde ich doch nie in diesen Tausch willigen."
Grannonia, welche sich nicht länger zu verstellen vermochte, gab sich hierauf zu erkennen, denn das um der Krankheit des Prinzen willen ganz verhangene Gemach, so wie ihre Verkleidung, hatten sie durchaus unkenntlich gemacht. Sobald der Prinz sie erkannte, umarmte er sie mit unbeschreiblichem Jubel, und erzählte sodann seinem Vater, wer sie sei, und was er um ihretwillen getan und gelitten habe.
Hierauf ließen sie den König und die Königin von Starza-Longa zu sich einladen, und begingen nun das Hochzeitsfest mit großer Fröhlichkeit, so dass sich aufs Neue bewies, dass für die Freuden der Liebe der Schmerz immer die größte Würze ist.

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Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

 

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