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Das Zauberpferd - ein Märchen aus Italien

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Das Zauberpferd


An Tunis, der königlichen Hauptstadt an der Küste Afrikas, herrschte vor Zeiten Dalfreno, ein berühmter und mächtiger König, dem seine schöne, verständige Gemahlin zwei Söhne geboren hatte; der älteste Listico, der andere Livoretto genannt; Beide gesund, wohlgeartet und dem Vater gehorsam.
Diesen Brüdern versagte ein Gesetz und lange bestehender Brauch des Landes, ihrem Vater in der Regierung zu folgen, indem dort nur dem weiblichen Geschlecht ein Recht an die Erbfolge verliehen war. Der König grämte sich sehr hierüber, denn er sah sich ohne Töchter und durfte in seinem Alter nicht erwarten, noch Kinder zu bekommen. Überdies musste er befürchten, die Söhne würden nach seinem Tode gehasst, verfolgt und mit Schmach aus dem Reich gejagt werden. Der unglückliche Vater, von diesen traurigen Gedanken gequält, fand kein Mittel, dem Übel abzuhelfen. Er wollte sich also bei der Königin, die er zärtlich liebte, Rat erholen und sprach zu ihr: „Teuerste Gemahlin, was bleibt uns wohl für unsere Söhne zu tun übrig, da Gesetz und Landessitte uns jede Möglichkeit rauben, sie zu Erben unserer Krone zu machen?"
Die verständige Frau erwiderte: „Mein König, da ihr im Besitz so großer und unermesslicher Schätze seid, glaube ich, ihr tätet recht, die Söhne, reich ausgestattet mit Geld und Kostbarkeiten, außer Landes zu schicken, wo Niemand sie kennt. Vielleicht können sie die Gunst irgend eines vornehmen Herrn erlangen und dadurch aller Roth und Ungebühr entgehen. Oder wenn sie ja dergleichen erdulden müssten, (was Gott verhüte!) weiß doch mindestens Niemand, wessen Kinder sie sind. Beide sind jung, wohlgebildet und zu jeder edlen Unternehmung bereit. Und wegen der Vorzüge, mit denen die Natur sie beschenkte, werden sie bei Königen, Fürsten und Herren willkommen und beliebt sein."

 

Dalfreno gab dem Rat der weisen Königin vollkommen Beifall, er ließ Listico und Livoretto rufen und sprach zu ihnen: „Ihr wisst, geliebten Söhne, dass ihr keine Hoffnung habt, nach meinem Tod auf diesen Thron zu gelangen. Nicht als haftete eine Schuld oder ein Laster an euch, sondern weil Gesetz und altes Herkommen es so bestimmen und weil die schaffende Natur euch zu Männern, nicht zu Weibern gebildet. Eure Mutter und ich haben deshalb, aus Rücksicht auf euer eigen Wohl den Entschluss gefasst, euch mit Geld und Kleinodien ausgerüstet, in die Fremde zu schicken. Vielleicht könnt ihr dort zu Ruhm und Ansehen gelangen und auf eine ehrenvolle Art durch die Welt kommen. Fügt euch also unserm Wunsch."

Dieser Vorschlag gefiel den Jünglingen ungemein, und die Ausführung lag ihnen eben so sehr am Herzen als ihren Ältern, denn sie wollten gern etwas Neues sehen und erfahren.
Die Königin liebte, wie die Mütter pflegen, den jüngsten Sohn am meisten; sie rief diesen beiseite und schenkte ihm ein schäumendes, kriegerisches Ross mit scheckiger Haut, kleinem Kopf und feurigem Blick. Und überdies war dies schöne Pferd gefeit, wie sein Besitzer Livoretto wohl wusste.
Die Söhne sagten also ihren Eltern Lebewohl, empfingen ihren Segen und machten sich mit ihren Schätzen in geheim auf den Weg.
Sie ritten eine Zeitlang, ohne einen Ort zu finden, an dem sie hätten bleiben können, worüber sie sich sehr betrübten. Da sprach Livoretto zu seinem Bruder: „Wir sind bis jetzt mit einander gereist und haben noch keine tapfre, unser würdige Tat verrichtet. Ich dächte daher, wir trennten uns, wenn es dir genehm ist, und Jeder ginge für sich auf Abenteuer aus."
Der andere billigte diesen Vorschlag, sie umarmten und küssten sich brüderlich und nahmen Abschied von einander. Listico, von dem man nie wieder eine Sylbe gehört hat, wandte sich nach Westen und Livoretto mit seinem Zauberross schlug den Weg nach Osten ein.
Livoretto war schon lange Zeit in der Welt umhergereist, ohne etwas auszurichten; alles Geld und alle Kostbarkeiten, womit ihn der liebevoller Vater versorgt hatte, waren aufgezehrt und nichts blieb ihm übrig als sein gefeites Ross. Da kam er nach Kairo, wo in jener Zeit Sultan Danebruno herrschte, ein schlauer Greis, mächtig durch seine Reichtümer und den Umfang seines Gebietes. Dieser empfand, seines hohen Alters ungeachtet, die glühendste Leidenschaft für Belisandra, die Tochter Attarants, Königs von Damaskus, und hatte ein Heer vor diese Stadt gelegt, die er erobern wollte, damit die Prinzessin freiwillig oder durch Zwang seine Gattin würde. Allein, abgeschreckt durch das Alter und die Hässlichkeit des Sultans, war sie fest entschlossen, sich eher zu töten, als die Seinige zu werden.

 

Livoretto, in Kairo angekommen, durchwanderte es nach allen Seiten; die Stadt gefiel ihm sehr wohl und er beschloss, hier zu bleiben, um wo möglich bei Jemand als Diener anzukommen. Denn all sein Geld war ausgegeben, weil er sich keinen Wunsch versagt und nie etwas gespart hatte. In jener Absicht ging er zum Palast, fand im Vorhof viele Mamelucken und Sklaven und fragte, ob der Sultan nicht einen Diener nötig habe, er wünsche ein Unterkommen bei ihm zu finden. Sie gaben ihm zuerst eine verneinende Antwort; doch erinnerte sich einer von ihnen, dass es an Jemand fehle, der die Schweine hüte. Er rief ihn also zurück und fragte ihn, ob er dies Amt übernehmen wolle. Livoretto war es zufrieden, stieg vom Pferde und ließ sich zu dem Saustall führen. Man fragte ihn nach seinem Namen. „Ich heiße Livoretto“, sagte er. Er wurde aber von Allen nur der Sauhirt genannt.
Livoretto, nun im Dienst des Sultans, verrichtete was ihm zu tun oblag, und war nur darauf bedacht, seine Schweine zu mästen; und so groß war sein Eifer, dass er in zwei Monaten zu Stande brachte, wozu ein Anderer würde sechs gebraucht haben. Des Sultans Leute bemerkten seine Tüchtigkeit und redeten ihrem Herrn zu, ihm ein anderes Amt zu geben; es sei Schade, dass ein so fleißiger Mensch dergleichen niedere Dienste verrichte. Es wurde ihm also auf Befehl des Sultans die Sorge für die Pferde übertragen und sein Gehalt vermehrt. Diese neue Beschäftigung war ihm um so lieber, weil er dadurch Gelegenheit bekam, sein eigen Ross abzuwarten, und er fing nun an, die ihm anvertrauten Pferde zu striegeln, zu glätten und zu putzen, bis ihre Haut so glänzend wurde wie Samt.
Es war unter andern ein mutiges Füllen in dem Stall, das er seiner Schönheit wegen besonders pflegte und so gut abzurichten wusste, dass es sich verbeugte, tanzte, ellenhohe Sprünge machte und die Füße schnell wie Pfeile durch die Luft fliegen ließ.
Die Mamelucken und Sklaven waren ganz erstaunt über die Künste des Pferdes, die sie für etwas Übernatürliches hielten, und nahmen sich vor, ihrem Herrn davon zu erzählen, damit er sich gleichfalls daran ergötze. Allein dieser, durch hohes Alter und unbefriedigte Leidenschaft übelgelaunt und stets mit schwermütigen Gedanken an die Geliebte beschäftigt, fragte wenig nach dergleichen Zeitvertreib und wollte nichts davon wissen. Seine Diener drangen aber so lange in ihn, bis er sich eines Morgens ans Fenster stellte, um die Geschicklichkeit des Sauhirten und die Künste, die er mit seinem Pferde machte, mit anzusehen.
Er fand seine Erwartung weit übertroffen und den Sauhirten so hübsch und wohlgebildet, dass er ihm zu dem niederen Geschäft, Tiere zu warten, viel zu gut schien. Und da er die großen, verborgenen Tugenden und das edle Wesen des Jünglings bei sich erwog und sah, wie er sich in Allem auszeichnete, beschloss er, ihn auf eine höhere Stufe zu heben, ließ ihn zu sich rufen und sagte ihm: „Sauhirt, künftig sollst du nicht mehr im Stall dienen, sondern an meinem Tisch aufwarten und mir kredenzen."

 

Der Jüngling, nun Mundschenk des Sultans geworden, verrichtete sein Amt so zierlich und gewandt, dass der Sultan und alle, die ihn sahen, ihn bewundern mussten. Darüber entstand bei den Mamelucken und Sklaven des Sultans ein überaus großer Neid gegen ihn, und sie hassten ihn so sehr, dass nur die Furcht vor ihrem Herrn sie zurückhielt, dem Mundschenk das Leben zu rauben.
Sie legten aber einen schlauen Plan an, dem Armen die Ungnade des Sultans zuzuziehen, damit dieser ihn tötete oder auf ewig von seinem Angesicht verbanne. In solcher Absicht begann der Sklave Chebur eines Morgens, als er den Sultan bediente, folgendermaßen: „Herr, ich habe eine gute Nachricht für dich." —
„Und welche?“, fragte Danebruno.
„Der Sauhirt, dessen eigentlicher Name Livoretto ist, rühmt sich, er allein könne die Tochter des Königs von Damaskus in deine Gewalt bringen." — „Unmöglich!“, rief der Sultan.
„Es ist in der Tat so“, versetzte Chebur: „und wenn du es mir nicht glaubst, frage nur die Mamelucken und anderen Sklaven, in deren Gegenwart er mehrmals sich dessen gerühmt. Du wirst dann bald sehen, dass ich dir nicht gelogen."
Nachdem der Sultan von seiner ganzen Dienerschaft die Bestätigung dieser Aussage hatte, berief er Livoretto und fragte ihn, ob das wahr sei, was man von ihm berichte. Der Jüngling, der kein Wort davon wusste, leugnete es mutig mit unerschrockener Miene. „Keine Weigerung“, rief der Sultan im höchsten Zorn: „geh augenblicklich, und schaffst du mir nicht Belisandra binnen dreißig Tagen, so verlierst du deinen Kopf!"

Voller Schrecken über diesen harten Befehl entfernte sich der Arme und ging betrübt zum Stall, indem ihm die heißen Tränen über die Wangen liefen.

„Was fehlt dir, Herr?“, redete ihn hier sein Zauberross an: „Weshalb bist du so traurig?"

Weinend und seufzend erzählte Livoretto, was ihm der Sultan auferlegt habe. Da schüttelte das Pferd mit dem Kopf, und es war, als lächle es.

„Fürchte nichts“, sprach es zu seinem Herrn: „die Sache wird besser ausfallen, als du denkst. Geh wieder zum Sultan und verlange von ihm ein Schreiben an seinen Feldherrn, der vor Damaskus liegt, des Inhalts: er solle augenblicklich nach Empfang dieses mit dem Reichssiegel versehenen Befehls die Belagerung ausheben. Auch begehre von dem Sultan Geld, Kleider und Waffen, damit du kühn die heldenmütige Tat unternehmen könnest. Und wenn dir auf dem Weg irgend ein Mensch oder ein Tier begegnet und dich um einen Gefallen bittet, sei dienstfertig und schlage nichts ab, was von dir verlangt wird, so lieb dir dein Leben ist. Und wenn Jemand mich dir abkaufen will, willige ein, fetze aber einen so ungeheuren Preis, dass jener von dem Handel absteht. Sollte eine Frau mich zu besitzen wünschen, so bezeige dich ihr gefällig, erlaube ihr, mir Kopf, Ohren, Hals und Rücken zu streicheln und sich an mir zu belustigen, so viel sie will, denn ich werde geduldig alles mit mir vornehmen lassen, ohne ihr Leides zuzufügen."

 


Livoretto ging nun heiter zum Sultan, forderte und erhielt, was ihm sein Ross angegeben, bestieg es und nahm seinen Weg nach Damaskus, zur großen Freude der vor Neid glühenden Mamelucken und Sklaven, die in ihrem gewaltigen Hass sicher glaubten, er würde nicht lebendig wieder nach Kairo kommen.

Livoretto war schon mehrere Tage gereist, da kam er zu einem Fluss, und aus dem Schlamm des Ufers stieg ein so übler Geruch auf, dass er kaum näher reiten konnte. In diesem Unrat steckte ein Fisch, der schon halb tot war. Sobald der Fisch ihn erblickte, sprach er: „O edler Ritter, sei großmütig, befreie mich aus diesen Banden, denn du siehst, dass ich kaum noch atme."

Der Worte seines Rosses eingedenk, stieg Livoretto ab, zog den Fisch aus dem Schlamm hervor und wusch ihn rein ab. Der Fisch bezeigte ihm erst seinen Dank für diese Wohltat, dann sagte er noch: „Nimm die drei großen Schuppen von meinem Rücken, bewahre sie wohl, und wenn du einst Hülfe brauchst, lege sie an das Ufer des Flusses, dann werde ich unverzüglich bei dir sein und dir beistehen."

Livoretto nahm die Schuppen, warf den Fisch in die klaren Wellen und bestieg wieder sein Ross.

Nachdem er eine Zeit lang geritten war, traf er auf einen Falken, der mit halbem Leibe im gefrornen Wasser steckte und sich mit aller Mühe nicht daraus losmachen konnte.

Der Falke erblickte ihn und rief ihm zu: „O schöner Jüngling, habe Mitleid mit mir, ziehe mich aus diesem Eis hervor, in dem ich mich gefangen sehe, und sei gewiss, dass ich dir zum Dank für meine Rettung einst wieder Hülfe bringe, wenn du deren bedarfst."

Livoretto fühlte Mitleiden mit dem Falken, zog ein Messer heraus, das er in der Scheide seines Schwertes stecken hatte, und schlug mit der Spitze desselben so lange auf das Eis, bis es gänzlich zerborst. Dann nahm er den Vogel und steckte ihn in seinen Busen, um ihn zu erwärmen. Als der Falke sich wieder erholt hatte, dankte er seinem Befreier und gab ihm zum Lohn für die erzeigte Gunst zwei Federn, die er unter seinem Flügel trug. „Bewahre sie zu meinem Andenken auf“, sagte er ihm dabei, „und wenn du einmal in Not bist, nimm die beiden Federn und stecke sie an den Rand des Flusses, dann werde ich dir zu Hilfe kommen."

Der Falke flog davon und der Jüngling setzte seine Reise fort, bis er zu dem Heer des Sultans kam. Er begab sich sogleich zum Feldherrn, der die Stadt hart bedrängte und übergab ihm sein Schreiben. Der Feldherr hob, nachdem er es gelesen, ohne weiteres die Belagerung auf und kehrte mit seinen Soldaten nach Kairo zurück.

Am Morgen nach dem Abmarsch ritt Livoretto in aller Frühe allein nach Damaskus hinein und nahm seine Wohnung in einem Wirtshause. Er zog sogleich ein schönes Kleid an, mit kostbaren Edelsteinen besetzt, die mit der Sonne um die Wette glänzten, bestieg sein Zauberross und begab sich damit nach dem Platz vor dem Palast des Königs, wo er es mit solcher Geschicklichkeit tummelte, dass Jedermann stehen blieb, ihm zuzusehen.

Belisandra, die Tochter des Königs, erwachte von dem Lärmen des herbeigelaufenen Volks, stand auf und stellte sich auf einen Balkon, von dem man den ganzen Platz übersehen konnte. Hier erblickte sie den anmutigen Jüngling auf feinem hohen, herrlichen Ross, und wurde so verliebt in das Ross, wie ein Jüngling in ein schönes Mädchen. Sie eilte zu ihrem Vater und bat ihn, es ihr zu kaufen, weil es ihr überaus gefiele. Seine zärtlich geliebte Tochter zufrieden zu stellen, schickte der Vater sogleich einen seiner Ritter ab, den Jüngling zu fragen, ob er sein Pferd verkaufen wolle, er möge nur einen angemessenen Preis dafür setzen, denn die einzige Tochter des Königs finde großen Gefallen daran.

Der Jüngling erwiderte, es gebe in der Welt nichts, das kostbar genug sei, es zu bezahlen. Und darauf forderte er eine Summe, die den Werth des ganzen Königreichs überstieg.

Als der König von diesem ungeheuren Preis hörte, rief er die Tochter und sagte ihr: „Mein Kind, ich kann nicht, um deinen Wunsch zu befriedigen, mein ganzes Reich für ein Pferd hingeben: entsage ihm also und gräme dich nicht darum, wir wollen schon ein besseres und schöneres für dich anschaffen."

Allein Belisandra, die nicht von dem Pferd lassen .konnte, beschwur den Vater, ihr den Besitz desselben nicht zu versagen, koste es auch, was es wolle. Und als sie sah, dass alles Bitten und Flehen den Vater nicht bewegen konnte, lief sie wie eine Verzweifelte zur Mutter und sank ihr halb tot in die Arme. Voll Schrecken, ihre Tochter bleich und entstellt zu sehen, sprach die zärtliche Mutter ihr Trost zu und bat sie, sich nicht zu grämen. „Wenn dein Vater abwesend sein wird“, sagte sie: „wollen wir Beide mit dem Jüngling sprechen und um das Ross handeln, vielleicht lässt er es uns billiger, weil wir Frauen sind."

Durch die liebreichen Worte der gütigen Mutter ward Belisandra wieder ein wenig aufgeheitert. Man wartete ab, bis der König entfernt war, dann ließ die Königin dem Jüngling durch einen Boten sagen, er möchte zum Palast kommen und sein Ross mitbringen. Sehr erfreut über diese Aufforderung, säumte Livoretto nicht, sich am Hofe einzustellen. —

„Meine Tochter wünscht sehnlich, euer Ross zu besitzen“, sagte die Königin zu ihm. „Was ist der Preis desselben?"

„Wolltet ihr mir auch alles geben, was ihr auf der Welt besitzt, gnädige Frau, dennoch könnte eure Tochter mein Ross nicht dafür erkaufen. Will sie es aber als ein Geschenk von mir annehmen, so steht es ihr zu Dienst. Doch wünsche ich, dass sie es zuvor noch recht beschaue und es selber einmal versuche; es ist geschickt und sanft und man kann es ohne Furcht besteigen."

Bei diesen Worten stieg er ab und hob die Prinzessin in den Sattel, während er den Zügel hielt und das Ross leitete und regierte. Doch kaum hatte er Belisandra auf eine Steinwurfsweite von der Mutter entfernt, so schwang er sich hinter ihr auf das Pferd, gab ihm die Sporen, und schnell, wie ein Vogel durch die Lüfte fliegt, jagte es davon.

„Bösewicht! Verräter! Wohin führst du mich!“, schrie das erschrockene Mädchen mit lauter Stimme. Allein das Schreien half ihr zu nichts, und Niemand war da, der ihr Hülfe gab. Sie setzten ihren Weg fort, und als sie an das Ufer eines Flusses kamen, zog Belisandra heimlich einen prächtigen Ring vom Finger und warf ihn in das Wasser.

Nach mehreren Tagereisen langte Livoretto mit der Prinzessin in Kairo an und übergab sie dem Sultan, der, voller Freude über ihre große Schönheit, sie mit vielen Liebesbezeugungen empfing. Als Belisandra sich Abends mit dem Sultan in einem reich geschmückten Zimmer allein sah, sprach sie zu ihm: „Hoffet nicht, o Herr, dass ich jemals mich den Wünschen eurer Liebe füge, wenn ihr nicht zuvor jenen Verräter aussendet, den Ring zu suchen, der mir in den Fluss gefallen ist. Hat er ihn gefunden und mir wieder gebracht, bin ich die Eure."

Der Sultan, von Leidenschaft entflammt, wollte die Gekränkte nicht noch mehr betrüben; augenblicklich gab er dem Livoretto Befehl, den Ring aufzusuchen und bedrohte ihn mit dem Tode, wenn er ihn nicht fände. Der Arme durfte nichts einwenden gegen diesen ausdrücklichen Befehl seines Herrn, obgleich er keine Hoffnung hatte, den Ring jemals zu finden. Er entfernte sich traurig und ging zu dem Stall, wo er in heiße Tränen ausbrach.

Sein Ross fragte ihn um die Ursache seiner großen Betrübnis. Auf seine Erzählung dessen, was vorgefallen, rief er aus: „Sei ruhig, Armer, gedenkst du denn der Worte des Fisches nicht mehr? Merk auf meine Rede, tue, was ich dir sage, und zweifle nicht an dem Erfolg."

Livoretto tat nach dem Rat seines Rosses, er begab sich an jene Stelle des Flusses, wo er mit der Prinzessin herübergekommen war und legte die drei Schuppen in das grüne Ufer nieder. Siehe, da glitt auf einmal der Fisch einher durch die klaren, leuchtenden Wellen, tauchte bald hier, bald dort aus dem Wasser auf und näherte sich munter dem Jüngling, den kostbaren Ring im Munde tragend. Und als er ihm den Ring in die Hand gegeben hatte, nahm er seine drei Schuppen auf und tauchte wieder unter in die Flut.

Bei dem Anblick des Ringes verwandelte sich Livorettos Traurigkeit auf einmal in Freude; ohne Zögern kehrte er zum Sultan zurück, neigte sich ehrerbietig und überreichte in seiner Gegenwart der Prinzessin ihren Ring. Der Sultan hoffte, sie würde, nun sie ihr Begehren erfüllt sah, seine Liebe belohnen, vergebens waren aber Bitten und Liebkosungen.

„Glaubt nicht, Herr“, sprach sie: „meine Einwilligung zu erschmeicheln. Ich schwöre, nicht eher die Eurige zu werden, bis dieser falsche Betrüger, der mich mit seinem Pferde auf eine so hinterlistige Weise hinterging, mir das Wasser des Lebens bringt."

Jeden Wunsch seiner geliebten Prinzessin zu erfüllen bereit, ließ der Sultan Livoretto rufen und trug ihm auf, ihr das Wasser des Lebens zu holen, sonst koste es ihm den Kopf. Glühend vor Zorn über diese neue Forderung, beklagte sich der Jüngling gegen seinen Herrn, dass er die treuen Dienste, die er ihm mit Gefahr seines Lebens geleistet, so übel belohne. Allein der verliebte Sultan dachte nur daran, sich Belisandra gefällig zu erzeigen und befahl ihm nochmals, ihr durchaus das Wasser des Lebens zu schaffen.

Mit Tränen der Wut und des Schmerzes ging der Jüngling fort, indem er sein böses Geschick verwünschte, und begab sich, wie er pflegte, zu seinem Ross. Als dieses ihn in so großer Bewegung sah, sprach es zu ihm: „Was bringt dich so außer dir, Herr? Beruhige dich, sei dir auch das Schlimmste begegnet, denn für alles gibt es Mittel, nur für den Tod nicht." Und als das Ross die Ursache seiner Bekümmernis hörte, erinnerte es ihn an den Falken, den er aus dem Eis befreit hatte, und an das schöne Geschenk der beiden Federn.

Da stieg der Jüngling zu Ross, hing eine gläserne wohl verwahrte Flasche an seinen Gürtel und ritt nach dem Ort, wo er den Falken erlöst hatte. Dort steckte er die beiden Federn in den Sand des Ufers, wie es ihm gesagt worden. Sogleich erschien der Falke und fragte, was er begehre.

„Das Wasser des Lebens!“, sagte Livoretto.

„Es ist unmöglich, Ritter, dass du es jemals holest“, sprach der Falke: „denn es wird von zwei grimmigen Löwen und eben so vielen Drachen gehütet, welche unaufhörlich brüllen und alle jämmerlich zerreißen, die sich nähern, es zu schöpfen. Aber ich will dir die Wohltat vergelten, die ich einst von dir empfangen habe. Nimm die Flasche, die an deiner Seite hängt, befestige sie unter meinem rechten Flügel und erwarte hier meine Zurückkunft."

Livoretto tat nach des Falken Verordnung; dieser stieg in die Höhe, flog hin, wo das Wasser des Lebens zu finden war und füllte verborgener Weise die Flasche; dann kehrte er zu dem Jüngling zurück, übergab sie ihm, nahm seine beiden Federn und erhob sich wieder in die Luft.

Froh, das kostbare Wasser in seinen Händen zu sehen, ritt Livoretto eiligst nach Kairo zurück und begab sich sogleich zum Palast. Er fand den Sultan bei seiner geliebten Belisandra, sich mit schmeichelnden Reden um sie bemühend, und überreichte der Prinzessin freudig das Wasser des Lebens. Da begehrte der Sultan aufs Neue von ihr, nun die Seinige zu werden, doch wie ein Felsen unerschütterlich den Stürmen Trotz bietet, blieb auch sie fest und unbeweglich bei seinen dringenden Bitten und machte ihm die neue Bedingung, er solle dem Livoretto, der ihr eine solche Schmach angetan, mit eigenen Händen den Kopf abschlagen.

Der Sultan wollte nicht in diese grausame Förderung des erzürnten Mädchens willigen; es schien ihm zu hart, den Jüngling zum Lohn für all seine Mühseligkeiten so schmählich umzubringen. Allein die Unbarmherzige ließ nicht von ihrem bösen Vorsatz. Sie ergriff ein Messer, näherte sich dem Jüngling und mit männlicher Kühnheit stach sie ihm, in Gegenwart des Sultans, durch den Hals, so dass er tot zur Erde fiel, ohne dass Jemand wagte, ihm zu Hülfe zu kommen.

Noch nicht zufrieden damit, hieb sie ihm das Haupt vom Rumpf, zerschnitt seine Glieder in kleine Stücke, riss die Nerven von einander und zerstieß die harten Knochen zu Pulver. Darauf nahm sie einen großen kupfernen Kessel, warf die verstümmelten Glieder, so wie alle Knochen und Nerven Stückweise hinein und knetete und rührte alles durcheinander, wie einen Brotteig. Und als sie durch langes Kneten Fleisch und Knochen und Nerven wohl mit einander verbunden hatte, bildete sie von dem Teig eine schöne menschliche Form und besprengte sie aus der Flasche, die das Wasser des Lebens enthielt. Siehe, da kehrte der Jüngling augenblicklich ins Leben zurück und war schöner und blühender als je.

Bei dem Anblick dieses Wunders stieg in dem Sultan, der schon sehr alt war, der Wunsch auf, sich auf diese Weise zu verjüngen. Er bat die Prinzessin, sie mochte es doch mit ihm eben so machen, wie mit dem Jüngling. Diese ließ sich nicht lange bitten, des Sultans Begehren zu erfüllen. Sie nahm das noch von Blut rauchende Messer, ergriff ihn mit der linken Hand bei den Haaren und gab ihm einen tödlichen Stich in das Herz. Dann warf sie ihn in einen nahen Graben, und anstatt sich zu verjüngen, war und blieb er todt und sein Leichnam diente den Hunden zur Speise.

Die Prinzessin ward aber von Allen geehrt und gefürchtet wegen des Wunders, das durch sie geschehen war. Als sie vernommen hatte, der Jüngling sei der Sohn Dalfrenos, Königs von Tunis, und Livoretto sein Name, schrieb sie an seinen alten Vater, gab ihm Nachricht von ihren Begebenheiten und lud ihn ein, sich doch ja, bei ihrer Vermählung mit Livoretto, einzufinden.

Dalfreno, sehr erfreut über diese unerwartete glückliche Nachricht, machte sich augenblicklich auf den Weg nach Kairo, wo er von der ganzen Stadt mit großem Pomp empfangen ward. Wenige Tage nach seiner Ankunft wurde Belisandra die Gattin seines Sohnes Livoretto, der, mit vieler Feierlichkeit auf den Thron von Kairo erhoben, dieses Reich lange Zeit in Frieden beherrschte. Dalfreno aber kehrte vergnügt und froh über das Glück seines Sohnes nach Tunis zurück.

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Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

 

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