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Die drei Zitronen - ein Märchen aus Italien

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Die drei Zitronen


Der König von Torre-Longa hatte einen Sohn, der sein Augapfel war und auf den er alle seine Hoffnung gegründet hatte, so dass er gar nicht die Stunde erwarten konnte, wo er für ihn eine gute Heirat finden und Großvater genannt werden würde. Aber dieser Prinz konnte die Frauen so wenig leiden, dass, wenn man nur von ihnen redete, er den Kopf schüttelte und sich hundert Meilen weit weg wünschte, so dass der arme Vater, als er die Hartnäckigkeit seines Sohnes sah, dermaßen traurig, verdrießlich und niedergeschlagen ward, wie ein Kaufmann, dessen Handelsfreund bankrott gemacht hat, wie ein Eseltreiber, dem das Vieh gefallen ist.
Aber weder die Tränen des Vaters erweichten den Prinzen, noch bewegten ihn die Bitten der Untertanen, noch erschütterten ihn die Nachschlüge redlicher Männer, welche ihm die Freude seines Vaters, das Bedürfnis; des Volkes und sein eigenes Interesse vorstellten, indem er der letzte Sprössling des königlichen Blutes sei. Weil jedoch in einer Stunde sich oft mehr zuzutragen pflegt, als in hundert Jahren, und man nicht sagen kann, auf diesem Wege soll's nicht gehen, so begab es sich, dass, als man eines Tages bei Tafel saß, der Prinz eine Sahntorte mitten durchschneiden wollte, und sich, indem er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Unterhaltung richtete, dabei einen Schnitt in den Finger gab.

 

Das Blut strömte auf die Sahntorte und gab dieser eine so schöne Farbenmischung, dass den Prinzen plötzlich der Wunsch ergriff, eine Frau zu finden, die gnade so weiß und roth sei, wie jenes von seinem Blut gefärbte Gericht, und er sagte zum Vater: „Herr Vater, wenn ich sie nicht so bekomme, wie ich sie wünsche, dann ist es mit mir vorbei. Nie erweckte irgend eine Frau mir das Blut und jetzt wünsche ich eine Frau, wie mein Blut. Daher entschließe dich, wenn du willst dass ich lebe und gesund sei, mir die Erlaubnis zu geben, die Welt zu durchstreifen, um eine Schönheit zu suchen, die ganz dieser schönen Farbenmischung entspricht. Sonst ist mein Lebenslauf bald beschlossen."

Als der König diesen seltsamen Entschluss hörte, so war es ihm, als stürze das Haus über ihm zusammen, und unaufhörlich wechselte er die Farbe, und als er wieder zu sich gekommen war und reden konnte, sagte er: „Mein lieber Sohn, Innerstes meiner Seele, mein einziges Herzblatt, Stütze meines Alters, was für eine Grille hat dich so plötzlich von Sinnen gebracht? Hast du deinen Verstand verloren? So lange hast du keine Frau haben wollen, um mir einen Erben zu geben, und jetzt hast du Lust, mich aus der Welt zu bringen? Wohin willst du denn so ohne Sinn und Verstand gehen, dein Leben zuzubringen und dein Haus zu verlassen, dein Haus, deinen Herd, dein Dach und Fach? Weißt du denn nicht, wie viel Mühsalen und Gefahren sich derjenige aussetzt, der da reist? Schlage dir doch diese Grillen aus dem Kopfe und höre auf das, was ich dir sage, bringe es doch nicht dahin, dass mein Leben ende, dies Haus verfalle, dieser Staat zu Grunde gehe."
Diese und ähnliche Worte aber gingen ihm zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus; alle waren eitel und weggeworfen, so dass der unglückliche König, da er sah, dass mit dem Sohne nichts weiter anzufangen sei, ihm eine Hand voll Taler, nebst einigen Dienern mitgab, und ihn entließ. Aber es war ihm dabei, als würde ihm die Seele von dem Körper losgerissen, und indem er sich an ein Fenster stellte, bittere Tränen vergießend, folgte er ihm so lange mit den Augen, bis er ihn aus dem Gesicht verlor.
Als nun der Prinz abgereist war und den Vater traurig und trostlos zurückgelassen hatte, fing er an, durch Felder und Wälder, über Berg und Tal, über Hügel und Ebene dahin zu reiten, verschiedene Länder betrachtend und mit mannigfaltigen Leuten umgehend und immer die Augen offen, um zu sehen, ob er das Ziel seiner Wünsche entdecke, so dass er nach Verlauf von vier Monaten an eine Französische Meeresküste gelangte, wo er seine kranken Diener in einem Spital zurückließ und sich auf einer genuesischen Barke einschiffte. In Gibraltar angelangt, ging er an Bord eines größeren Schiffes, das sich auf dem Wege nach Indien befand, indem er immer von Reich zu Reich suchte, von Provinz zu Provinz, von Land zu Land, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus und von Stube zu Stube, ob er das jenem schönen Bilde, welches er im Herzen gemalt umher trug, entsprechende Wesen finden könne, und lief so weit umher, und setzte seine Beine in solche Tätigkeit, bis er am Ende an die Insel der wilden Frauen gelangte, woselbst er vor Anker ging und ans Land stieg.
Dort fand er eine alte, alte Frau, die überaus mager war und ein schauderhaft hässliches Gesicht hatte. Dieser erzählte er die Ursache, welche ihn in dieses Land gebracht hatte. Als die Alte die seltsame Grille und den wunderlichen Einfall des Prinzen vernahm und die Mühsalen und Gefahren, die er deshalb erduldet hatte, geriet sie ganz außer sich und sagte zu ihm: „Mein Sohn, sieh dich wohl vor, denn wenn dich meine drei Töchter hier finden, die das Menschenfleisch gar sehr lieben, so ist dein Leben verloren; denn halb lebendig und halb gebraten werden sie dir die Schüssel zum Sarge und ihren Bauch zum Grabe machen. Mach' dich also von hier weg, so bald und so rasch wie möglich, denn du wirst nicht weit gegangen sein, so wirst du dein Glück finden."
Als dies der Prinz vernahm, so geriet er in die größte Bestürzung, machte sich alsbald auf und davon, und ohne auch nur ein Lebewohl zu sagen, fing er an zu laufen, bis er in ein anderes Land kam, wo er eine andere alte Frau fand, die noch hässlicher war, als die erste. Er teilte ihr gleichfalls seine Angelegenheiten auf das Genaueste mit, und wiederum sagte sie zu ihm: „Mache dich rasch von hier fort, wenn du meinen Töchtern, den kleinen Menschenfresserinnen, nicht zur Speise dienen willst; aber nicht weit von hier wirst du dein Glück finden."

 

Als dies der traurige Prinz vernahm, fing er an zu laufen, als wenn er gejagt würde, bis er eine andere alte Frau fand, die auf einem Rade saß, mit einem Korbe am Arm voll Pasteten und Zuckerwerk, womit sie eine Schar von Eseln fütterte, die sodann am Ufer eines Flusses umher sprangen, und mit den Füßen gegen einige arme Schwäne ausschlugen.
Der Prinz verneigte sich sehr artig gegen die alte Frau und erzählte ihr die Geschichte seiner Wanderung. Diesmal tröstete ihn die alte Frau mit freundlichen Worten, gab ihm ein gutes Frühstück, dass er sich die Finger danach leckte und nachdem er von Tische aufgestanden, schenkte sie ihm drei Zitronen, die nur eben erst vom Baume abgepflückt schienen, und dazu noch ein schönes Messer, indem sie sagte: „Du kannst auf demselben Wege in deine Heimat zurückkehren, denn dein Rocken ist voll und du hast das gefunden, was du suchst; geh' also und wenn du nicht weit von Hause bist, so zerschneide bei der ersten Quelle, die du findest, eine Citrone, aus welcher sogleich eine Fee heraussteigen und zu dir sagen wird: Gib mir zu trinken! Du aber sei rasch mit dem Wasser zur Hand, sonst wird sie zerfließen wie Quecksilber, und wenn du nicht schneller bist bei der zweiten, so öffne die Augen und sei hurtiger bei der dritten, dass sie dir nicht entgeht, indem du ihr schnell zu trinken reichst, denn dann wirst du ein Weib nach deinem Herzen haben."
Der Prinz küsste ihr ganz vergnügt hundertmal die haarige Hand, die dem Rücken eines Stachelschweins glich, nahm Abschied und verließ jenes Land. An das Meeresufer gelangt, fuhr er nach den Säulen des Herkules hin, in unser Meer hinein, und nach tausend Stürmen und Gefahren landete er eine Tagereise weit von seinem Reiche. Dort, in einem sehr anmutigen Haine, wo der Schatten die Wiesen überdachte, damit sie nicht von der Sonne gesehen würden, stieg er bei einer Quelle ab, die mit kristallener Zunge die Leute herbeirief, um sie zu erquicken. Der Prinz setzte sich auf dem prächtigen Teppiche nieder, welchen Gras und Blumen bildeten, nahm das Messer aus der Scheide und fing an, die erste Citrone aufzuschneiden. Siehe da, wie der Blitz kam ein sehr schönes Mädchen heraus, weiß wie Milch und rot wie eine Erdbeere, welches zu ihm sagte: „Gib mir zu trinken!"

 

Der Prinz, ganz erstaunt und erstarrt über die Schönheit der Fee, war nicht rasch genug, ihr das Wasser zu geben, so dass ihr Erscheinen und Verschwinden fast zugleich stattfand. Dies war nun ein Strich durch die Rechnung des Prinzen und es ging ihm so, als wie Einem, der Etwas wünscht, und während er es zu haben glaubt, verliert.
Indem er aber die zweite Citrone durchschnitt, ging es ihm eben so, und dies war der zweite Strich, der ihm gemacht wurde, so dass seine Augen sich in zwei Bäche verwandelten und Tränen stromweise vergossen, mit der Quelle wetteifernd und ihr nichts nachgebend, während er jammernd bei sich selbst sagte: „Wie unglücklich bin ich doch, ich Ärmster! Zweimal habe ich mir sie entkommen lassen, als wenn mir die Hände gebunden wären! hol' mich der Kuckkuck, ich bewege mich wie ein Bär, wo ich doch laufen sollte, wie ein Windhund! Meiner Treu, das hab' ich wahrlich brav gemacht! Doch tröste dich Unglücklicher, noch ist ja eine da, aller guten Dinge sind drei — entweder soll dieses Messer mir die Fee verschaffen oder sonst ein wirksames Mittel gegen meinen Schmerz."
Mit diesen Worten durchschneidet er die dritte Citrone, die dritte Fee kommt heraus und sagt wie die übrigen: „Gib mir zu trinken!"
Der Prinz reicht ihr alsbald das Wasser und sieh' da, vor ihm steht ein zartes Mädchen, weiß wie Sahne und rot wie Blut, Etwas, was nimmer in der Welt war gesehen worden, eine Schönheit ohne Maß, von zartester Weiße und unvergleichlicher Anmut. Ihr Haar war golden und in ihren Augen hatte die Sonne zwei Sterne angezündet, damit sie in der Brust dessen, der sie sah, Feuer entzündeten. Ihre Lippen hatte die Göttin der Liebe rosenrot gefärbt — mit einem Wort, sie war so schön von Kopf bis zu Fuß, dass man nichts Reizenderes hätte sehen können, so dass der Prinz nicht wusste, wie ihm geworden war, und die so schöne Geburt einer Citrone nicht genug bewundern konnte, indem er bei sich sagte: „Schläfst du oder bist du wach? sind deine Augen bezaubert oder was ist das hier für eine weiße Gestalt, hervorgegangen aus einer gelben Schale? Was für ein süßes Zuckerwerk aus der Säure einer Citrone?"
Als er sich endlich überzeugt hatte, dass es kein Traum, sondern lauter Ernst und Wahrheit sei, umarmte er die Fee auf das Zärtlichste, und nachdem er ihr tausend liebevolle Worte gesagt, fügte der Prinz hinzu: „Ich will dich nicht, du meine Seele, in das Land meines Vaters führen, ohne die Pracht, die deiner Schönheit würdig ist, und ohne die Begleitung, welche sich für eine Königin passt. Daher bitt' ich dich, steig' einstweilen ans diese Eiche, die, wie es scheint, von der Natur selbst zu einem laubigen Schlupfwinkel gebildet wurde, und erwarte meine Zurückkunft; denn ich werde in der kürzesten Zeit zurückkehren, und dich mit mir führen, bekleidet und begleitet, wie es für meinen Stand sich ziemt— und so, nachdem er von ihr Abschied genommen, verließ er sie und begab sich fort.

 


Inzwischen war eine schwarze Sklavin von ihrer Gebieterin geschickt worden, mit einem Kruge an dieser Quelle Wasser zu holen. Als nun die Schwarze zufälligerweise in den Wellen das Bild der Fee erblickte, meinte sie sich selbst zu erblicken, und rief voller Verwunderung: „Wie, unglückliche Lucia, du bist so schön, und deine Gebieterin schickt dich, Wasser zu holen, und du willst das ertragen?"
Mit diesen Worten zerbrach sie den Krug, kehrte nach Hause zurück, und als sie von ihrer Gebieterin befragt wurde, warum sie ihren Dienst so schlecht versehen habe, antwortete sie: „Ich bin an die Quelle gegangen und habe den Krug an einem Steine zerstoßen."
Die Frau verschluckte ihren Ärger und gab ihr am nächsten Tage ein schönes Fass, um es mit Wasser zu füllen. Aber da sie zur Quelle zurückkehrte und wiederum ein so schönes Bild in dem Spiegel des Wassers erblickte, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Ich will keine Sklavin sein, denn ich bin nicht so hässlich; nein, ich bin schon und lieblich und soll dennoch ein Fass an die Quelle tragen!" Mit diesen Worten zerbrach sie auch das Fass in hundert Stücke, und daheim sprach sie brummend zu ihrer Gebieterin: „Ein Esel kam vorbeigelaufen, stieß an das Fass, da fiel es auf die Erde und ist mir ganz in Stücke zerbrochen."
Als die zornige Frau diesen neuen Unfall vernahm, verlor sie die Geduld, und einen Besen ergreifend, prügelte sie die Schwarze dermaßen durch, dass jene es ein paar Tage lang fühlte, gab ihr sodann einen Schlauch und sagte: „Jetzt lauf und mach' rasch, du nichtswürdiges Geschöpf, lauf und trödle nicht und bring' mir diesen Schlauch voll Wasser, denn sonst hau' ich dich, bis du dich nicht mehr rühren kannst und ich dir für alle Zeit Vernunft beibringe."
Die Sklavin lief über Hals und Kopf, denn sie hatte den Blitz gefühlt, und wollte den Donner nicht abwarten, und nachdem sie den Schlauch vollgefüllt, schaute sie das schöne Bild von Neuem an und sprach: „Ich wär' eine große Närrin, wollte ich Wasser schöpfen; besser ist es, zu heiraten, wie es mir ziemt. Ich will mich nicht länger ruhig verhalten und einer solchen Gebieterin dienen." Mit diesen Worten nahm sie eine Nadel, die sie auf dem Kopfe trug, und sing an den Schlauch zu durchlöchern, dass er einem Springbrunnen ähnlich wurde und hundert Wasserstrahlen hervorsandte. Die Fee aber, da sie dieses lächerliche Benehmen erblickte, fing an, aus vollem Halse zu lachen.
Als die Sklavin das Gelächter hörte, wandte sie ihre Augen nach jener Richtung, aus welcher es kam, und indem sie das versteckte Mädchen wahrnahm, sagte sie bei sich selbst: „Du also bist die Ursache, dass mich meine Frau wie unsinnig durchgeprügelt hat? aber wart' nur!“, und darauf redete sie die Fee an: „Was machst du da oben, hübsches Mädchen?"
Die Fee, welche das wahre Bild der Höflichkeit war, teilte ihr alles haarklein mit, ohne auch nur eine Silbe auszulassen, was ihr mit dem Prinzen begegnet war, so wie auch, dass sie ihn von Stund' zu Stund' und von Augenblick zu Augenblick erwarte mit Kleidern und Dienerschaft, um ihn in das Reich seines Vaters zu begleiten und dort ein fröhliches Leben zu führen.
Als die rabenschwarze Sklavin dies vernahm, dachte sie daraus großen Vorteil zu ziehen und erwiderte der Fee: „Da du deinen Bräutigam erwartest, so lass mich hinaufkommen und dir dein Haar kämmen und dich schöner machen."
Die Fee antwortete: „Sei mir vielmal willkommen!“, und indem die Sklavin hinaufkletterte, und jene die Hand ausstreckte, um ihr hinaufzuhelfen, glichen diese beiden Hände einem Stück Kristall, in Ebenholz eingefasst. So stieg nun die Sklavin auf den Baum, während sie aber der Fee das Haar zu kämmen anfing, stieß sie ihr plötzlich eine Nadel in den Schädel.
Als die Fee dies fühlte, rief sie aus: „Taube! Taube!“, und in eine Taube verwandelt, schwang sie sich empor und flog fort.
Die Sklavin zog sich hierauf nackend aus, machte aus den Lappen und Lumpen, womit sie bekleidet war, ein Bündel, warf es weit von sich, und nahm sich nun auf diesem Baume wie eine Statue von Gagat *) aus in einem Gehäuse von Smaragd. ') Schwarzer Bernstein.
Inzwischen kehrte der Prinz mit einem großen Gefolge zurück; als er ein Fass mit Kaviar statt einer Schüssel mit Milch fand, war er eine Zeit lang ganz außer sich und rief: „Wer hat diesen ungeheuren Klecks auf das Postpapier gemacht, auf welches ich die glücklichsten Tage meines Lebens zu schreiben gedachte? Wer hat dieses frisch geweißte Haus, welches meine Freude sein sollte, mit Trauergewändern behangen? Wer lässt mich diesen schwarzen Probierstein finden, wo ich ein Silberbergwerk hinterlassen hatte, durch das ich hätte reich und selig werden können?"
Allein die Sklavin, da sie das Erstaunen des Prinzen wahrnahm, entgegnete: „Wundere dich nicht, mein Prinz, denn ich, deine Lucia, bin bezaubert und aus einem weißen Schleier in eine schwarze Decke verwandelt worden."
Der arme Prinz, da dem Übel nicht mehr abzuhelfen war, musste wohl gute Miene zum bösen Spiel machen. Nachdem die Schwarze heruntergestiegen war, bekleidete er sie von Kopf bis zu Fuß mit prächtigen Gewändern, und als er sie so aus das Beste herausgeputzt und gestutzt hatte, schlug er den Weg nach seiner Heimat ein, wo er von dem König und der Königin, die ihm sechs Meilen weit entgegen gegangen waren, empfangen wurde.
Als sie den herrlichen, von ihrem närrischen Sohne begangenen Streich sahen, dass er nämlich so lange umhergelaufen war, um eine weiße Taube zu finden, und eine schwarze Krähe nach Hause gebracht hatte, empfanden sie die Freude eines Verbrechers, der das Urteil empfängt, dass er gehängt werden soll. Da es nun aber einmal nicht anders war, so übergaben sie die Krone dem jungen Paar, und setzten den goldenen Reif auf jenes Mopsgesicht. Sodann traf man Anstalt zu köstlichen Festen. Die Köche rupften Gänse, schlachteten Schweine und Kälber, spickten Braten, füllten Töpfe, drehten Klöße, spießten Kapaunen und machten tausend andere leckere Bissen.
Da geschah es, dass an ein Küchenfenster eine schöne Taube kam und sagte:
„In dieser Küche da, du bester Koch,
Was macht der König bei der Sarazenin doch?"

Der Koch indessen achtete hierauf wenig; als aber die Taube zum zweiten und zum dritten Mal das Nämliche wiederholte, lief er in den Saal, wo man speiste und erzählte die wunderbare Begebenheit. Alsbald befahl die Neuverlobte, da sie dies Lied hörte, dass man die Taube sogleich einfangen und braten solle. Der Koch kehrte also zurück und es gelang ihm wirklich, die Taube einzufangen. Nachdem er dem Befehl der Schwarzen Folge geleistet und die Taube, um sie zu rupfen, abgebrüht hatte, goss er das Wasser mit den Federn in den Garten hinab, der sich vor dem Fenster befand, und nicht drei Tage gingen vorüber, so sprosste ein schöner Zitronenbaum hervor, der in eins, zwei, drei heranwuchs.
Nun geschah es, dass der König aus einem Fenster sah, welches dort hinausging, und den Baum wahrnahm, den er früher noch nie gesehen hatte. Er rief sogleich den Koch und befragte ihn, wann und von wem er dort wäre hingepflanzt worden. Nachdem er von dem Meister Koch den ganzen Vorfall vernommen, Mutmaßte er den wahren Hergang der Sache und so befahl er denn bei Lebensstrafe, dass der Baum nicht berührt werden, sondern mit jeglicher Sorgfalt gehegt und gepflegt werden solle.
Als nun nach Verlauf mehrerer Tage drei sehr schöne Zitronen hervorgekommen waren, denen ähnlich, welche die alte Frau ihm gegeben, so ließ er sie, nachdem sie reif geworden, abpflücken, schloss sich mit einer Schale Wasser in seinem Zimmer ein, und mit demselben Messer, welches er immer an der Seite trug, fing er an, die Zitronen aufzuschneiden. Es erging ihm mit der ersten und mit der zweiten Fee nicht anders als früher; nachdem er zuletzt aber die dritte Citrone aufgeschnitten und der Fee, welche daraus hervorkam, zu trinken gegeben, wie sie es verlangte, verwandelte sie sich wieder in die nämliche Jungfrau, welche er auf dem Baume zurückgelassen hatte, und vernahm jetzt von ihr die ganze Missetat der Sklavin.
Wer kann nur den kleinsten Teil des Jubels schildern, welchen der König über dieses Glück empfand. Er schwamm in einem Meer von Seligkeit, er war außer sich vor Freude, und der Himmel hing ihm voller Geigen. Nachdem er sie in seine Arme gepresst, ließ er sie auf das Köstlichste ankleiden, nahm sie an der Hand und führte sie mitten in den Saal, wo der ganze Hofstaat und die anderen vornehmen Leute der Stadt dem Feste zu Ehren versammelt waren. Der König rief alle, Einen nach dem Andern, zu sich und fragte sie: „Sag' mir, was verdient derjenige, welcher dieser schönen Dame etwas Böses antun will?" Worauf der Eine antwortete: dass er ein hanfnes Halsband verdiene; der andere: ein Frühstück von Steinen; der Dritte: eine Musik mit Keulen auf dem Trommelfell des Magens; der Vierte: einen Schluck Bilsenkraut, und die Einen so und die anderen anders.
Als endlich die schwarze Königin herbeigerufen wurde und der König die nämliche Frage an sie richtete, gab sie zur Antwort: „Er verdient, dass man ihn verbrenne und das Pulver in die Luft streue."
Als der König das vernahm, sagte er: „Du hast dir mit der Art in den Fuß gehauen, du hast dir das Messer geschliffen, du hast dir das Gift gemischt, denn Niemand hat ihr ein größeres Unheil zugefügt als du, nichtswürdige Hündin. Weißt du, dass dies die schöne Jungfrau ist, die du mit der Haarnadel durchbohrtest? weißt du, dass dies jene schöne Taube ist, die du schlachten und langsam braten ließest? Du hast dir da eine schöne Suppe eingebrockt, du hast dir selbst den schlimmsten Streich gespielt; wie man's treibt, so geht's; wer Reisig kocht, bekommt Rauchsuppe, und wie man einem andern tut, so wird uns wieder getan."
Mit diesen Worten ließ er sie ergreifen und lebendig in einen großen Haufen Holz werfen, und nachdem sie zu Asche verbrannt, diese von dem Schlossturme aus in die Luft streuen, indem sich so wiederum die Wahrheit des Sprichwortes bewährte:
Wer Dornen säet, geh' nicht barfuß.

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Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

 

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