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Das Geschenk der Tiere - ein Märchen aus Italien

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Märchen - Autoren:  A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z
Märchen - Titel:  A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z
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Das Geschenk der drei Tiere


An den Grenzen der Lombardei lebte früher ein Mann, Bernio mit Namen, dem sich das Glück eben nicht verschwenderisch bewiesen hatte, an Herz und Geist aber stand er anderen keineswegs nach. Auch Mia, seine Frau, war, obgleich geringen Herkommens, doch mir vieler Einsicht begabt, ihr Betragen war sittsam und anständig und sie liebte ihren Mann aufs Zärtlichste. Sie wünschten gar sehr, Kinder zu haben, diese Gunst war ihnen aber nicht gewährt, und selten weiß ja auch der Mensch, was er, als das ihm Tauglichste, vom Himmel erbitten solle. Da sie sich nun lange vergebens nach der Erfüllung ihres Wunsches gesehnt hatten, entschlossen sie sich, ein Kind anzunehmen und es wie ein eigenes zu erziehen.
Sie gingen also eines Morgens früh nach dem Ort hin, wo die von ihren Eltern verlassenen zarten Kinderchen aufbehalten werden, und sahen dort eines, das ihnen schöner und lieblicher schien, als die übrigen; dies nahmen sie zu sich, erzogen den Knaben mit vieler Sorgfalt und hielten ihn in guter Zucht.
Einige Zeit darauf gebar Alkia zur höchsten Freude beider Eltern auch einen Knaben, der des Vaters vollkommenes Ebenbild war. Valentino, so nannten sie ihn, wuchs bei eifriger Pflege und sorgsamer Erziehung auf, war artig und wohlgesittet und liebte seinen Bruder Fortunio so sehr, dass er sich beinahe zu Tode grämte, wenn er entfernt von ihm sein musste.

 

Allein die Feindin alles Guten, die Zwietracht, konnte eine so heiße, innige Liebe, wie die ihrige, nicht dulden, sie trat zwischen sie und gab ihnen nur zu bald ihre herben Früchte zu kosten. Denn als sie eines Tages nach Art der Kinder mit einander spielten und schäkerten und dadurch erhitzt waren, verdross es Valentino, dass ihm Fortunio im Spiel überlegen war, und er geriet in eine solche Wut, dass er ihn mehrmals Bastard und schlechter Frauen Kind nannte.


Fortunio war hierüber sehr verwundert und bestürzt. „Ein Bastard bin ich?“, rief er aus.

Valentino, noch immer böse auf ihn, blieb kühn bei «seiner Behauptung. Da verließ Fortunio ganz niedergeschlagen das Spiel, ging zu seiner vermeinten Mutter und fragte sie mit sanft bittendem Ton, ob er ihr und Bernios Sohn sei. Alkia gab ihm zur Antwort, er wäre es freilich; und da sie erfuhr, dass Valentino ihn mit Schimpfreden beleidigt habe, drohte sie diesem ernstlich und schwur, ihn derb dafür zu züchtigen.
Allein Fortunio seufzte nur über Alkias Reden; es schien ihm nun gewiss, dass er ihr rechter Sohn nicht sei, und er drang aufs Neue in sie, es ihm zu sagen, denn er wollte durchaus die Wahrheit wissen. Alkia musste endlich der Beharrlichkeit Fortunios und dem Ungestüm seiner Bitten nachgeben und gestand ihm ein, er sei nicht von ihr geboren.
Bei diesen Worten, die dem Jüngling eben so viel Dolchstiche ins Herz waren, stieg seine Betrübnis aufs Höchste. Er fühlte sich grenzenlos unglücklich; dennoch vermochte es sein Schmerz nicht über ihn, dass er Hand an sein Leben legte; vielmehr beschloss er, Bernios Haus zu verlassen und in der Welt umherzuirren, um zu versuchen, ob ihm das Glück vielleicht einst günstig sein werde.
Als Alkia von diesem Vorhaben hörte, in welchem Fortunio sich mit jedem Augenblick mehr befestigte und sie ihn durch nichts in der Welt in seinem Entschluss wankend machen konnte, wurde sie ganz wütend auf ihn und stieß in ihrem glühenden Zorn den Fluch gegen ihn aus, er solle, würde er jemals das Meer durchschiffen, von der Sirene eben so in die Tiefe gezogen werden, wie Schiffe von den hohen, sturmbewegten Wellen des Meeres.
Fortunio, von der Heftigkeit und dem Eifer seines Zornes angetrieben, gab nicht Acht auf den mütterlichen Fluch, reiste ab, ohne die Eltern weiter zu Rate zu ziehen und nahm seinen Weg nach Westen.
Er war schon weit über Seen und Hügel und raues Gebirge gezogen, da kam er eines Tages in einen dichtbelaubten Wald und fand daselbst den Wolf, den Adler und die Ameise, die sich wegen eines erbeuteten Hirsches gewaltig herumbissen und über die Teilung des Wildbrets durchaus nicht einig werden konnten.
Als nun die drei Tiere in diesem heftigen Streit begriffen waren und keins dem andern weichen wollte, fiel es ihnen ein, der Jüngling Fortunio, der eben dazu gekommen, solle über ihren Zwist entscheiden, indem er jedem von ihnen den Teil der Beute zuspräche, der sich nach seinem Urteil am besten für ihn schicke. Sie waren alle drei zufrieden mit dieser Übereinkunft und versprachen einander, sich bei seinem Ausspruch zu beruhigen und sich nicht dagegen aufzulehnen, sollte er auch ungerecht sein.
Fortunio übernahm dieses Amt sehr bereitwillig; er überlegte zuvor reiflich die Art und das Wesen eines jeden der Tiere, und teilte dann die Beute folgender Maßen.
Dem Wolf, als einem gefräßigen und mit Zähnen versehenen Geschöpf/ bestimmte er zum Lohn für seine Mühe alle Knochen nebst dem derben Fleische; dem Adler, der ein Raubvogel ist und keine Zähne hat, zahlte er, indem er ihm die Eingeweide und das Fett, welches an Knochen und Fleisch sitzt, zur Speise gab; der geschickten, fleißigen Ameise, welcher jene Kraft mangelt, die Natur dem Wolf und Adler gewährte, teilte er zur Vergeltung für ihre Arbeit das zarte Gehirn zu.

 

Dieses wohldurchdachte, gründliche Urteil ließ keinen von ihnen unbefriedigt; sie sagten ihm für die ihnen erzeigte Gefälligkeit so viel Schönes sie nur wussten und konnten, und weil Undank eines der schimpflichsten Laster ist, wollten sie alle Drei, einer wie der andere, den Jüngling nicht eher fortgehen lassen, bis Jeder insbesondre ihm diesen Dienst aufs Beste vergolten hätte.
Da sprach denn der Wolf, um ihm seine Erkenntlichkeit für den Rechtsspruch zu beweisen, wie folgt: „Freund, ich gebe dir hiermit die Kraft, jedes Mal, wenn du wünschest, ein Wolf zu sein; sobald du sprichst: wär' ich doch ein Wolf, augenblicklich ein Wolf zu werden, indem du zugleich nach Gefallen deine vorige Gestalt wieder annehmen kannst." Und auf dieselbe Weise wurde er vom Adler und der Ameise belohnt.
Sehr vergnügt über das erhaltene Geschenk, sagte Fortunio ihnen seinen besten Dank dafür, und nahm Abschied von den Tieren.
Er wanderte nun weiter und gelangte endlich nach Polen, einem edlen, volkreichen Lande, welches in jenen Tagen der tapfere und mächtige Odescalco beherrschte.
Dieser König hatte eine Tochter, Doralice genannt, die er gern auf eine ehrenvolle Weise verheiraten wollte. Er ließ deshalb ein großes Turnier ansagen, und nahm sich vor, die Prinzessin keinem Andern zur Ehe zu geben, als Demjenigen, der Sieger in dem Wettkampf sein würde. Viele Herzoge, Markgrafen und andere mächtige Herren waren von allen Seiten herbeigekommen, den kostbaren Preis zu gewinnen.
Der erste Tag des Tourniers war bereits vorüber, und ein garstiger, ungestalteter Sarazene, von wunderlichem Ansehen und schwarz wie Pech, hatte an demselben die Oberhand behalten. Die Königstochter, welche die Hässlichkeit und Unsauberkeit des Sarazenen in Betrachtung zog, war sehr bestürzt, ihn siegreich aus dem ehrenvollen Kampfe hervorgehen zu sehen; traurig legte sie die Wange auf ihre zarte, feine Hand, grämte sich über ihr böses Schicksal, und wünschte eher zu sterben, als die Gemahlin des garstigen Sarazenen zu werden.
Fortunio war Indes in die Stadt gekommen, hatte die festliche Pracht und den großen Zusammenfluss von Rittern gesehen und vernommen, was die Ursache einer so glänzenden Feierlichkeit sei; da entbrannte in ihm ein glühendes Verlangen, auch im Turnier zu zeigen, was seine Tapferkeit vermöge. Weil es ihm aber an allen den Dingen gebrach, deren ein Kämpfer bedarf, war er sehr traurig. Als er nun so mit betrübtem Herzen dastand und die Augen in die Höhe schlug, erblickte er Doralice, die Tochter des Königs, wie sie an einem reich geschmückten Fenster sitzend von vielen schönen, herrlichen Frauen umgeben, gleich der klaren, belebenden Sonne zwischen geringeren Sternen erschien.
Die Nacht fing bereits an, ihre Dunkelheit zu verbreiten, und alles begab sich nach Hause. Auch Doralice zog sich traurig in ihr schön verziertes Zimmer zurück, wo sie sich einsam an das Fenster stellte. Hier sah Fortunio sie wieder und sprach zu sich selbst: „O! warum bin ich kein Adler?"
Und er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, da wurde er auch schon zum Adler; er flog zum Fenster hinein, verwandelte sich wieder in einen Menschen und stellte sich freien, heitern Mutes der Prinzessin dar. Diese erschrak heftig bei seinem Anblick, und stieß einen so lauten Schrei ans, als ob sie von gierigen Hunden zerfleischt würde.

 

Der König, der nicht fern von der Tochter war, hörte ihr ängstliches Geschrei, eilte zu ihr, und als er vernahm, es sei ein Jüngling in dem Zimmer, suchte er allenthalben umher. Er fand aber nichts und begab sich wieder zur Ruhe, denn Fortunio war schnell zum Adler geworden und zum Fenster hinaus entflohen.
Kaum hatte sich aber der Vater niedergelegt, da erhub die Jungfrau ihre Stimme aufs Neue, denn der Jüngling war ihr, wie das erste Mal, erschienen. Allein Fortunio, der für sein Leben fürchtete, verwandelte sich auf ihr Geschrei alsbald in eine Ameise und verbarg sich in den blonden Locken des reizenden Mädchens.
Odescalco lief wieder herbei, als er Doralicens Stimme hörte, und wie er Niemanden sah, ward er sehr böse auf sie und drohte der Tochter, es solle ihr übel ergehen, wenn sie noch einmal schreien würde. Darauf ging er ganz zornig fort, in der Meinung, ihre Einbildungskraft habe ihr einen von den Rittern vorgespiegelt, die aus Liebe für sie im Turnier umgekommen waren.
Fortunio, dem des Vaters Worte nicht entgangen waren, sah ihn nicht sobald fortgehen, als er seine Ameisenhülle ablegte und wieder in seiner ersten schönen Gestalt erschien.
Als Doralice ihn erblickte, wollte sie sogleich aufspringen und schreien, allein sie kam nicht dazu, denn der Jüngling verschloss ihr den Mund mit seiner Hand und sprach: „Ich bin nicht hierher gekommen, o Herrin, euch Gut und Ehre zu rauben, sondern um euch zu trösten und euer demütiger Diener zu sein. Wenn ihr wieder schreiet, so wird entweder euer guter Name, euer unbefleckter Ruf dadurch leiden oder ihr werdet die Ursache meines Todes und des eurigen. Wollet denn nicht, o Beherrscherin meines Herzens, zu gleicher Zeit eure Ehre beschimpfen und unser beider Leben in Gefahr bringen."
Während Fortunio diese Worte sprach, weinte Doralice und konnte sich gar nicht zufrieden geben, denn dieser erschreckende Überfall kränkte sie gar zu sehr. Bemüht, das aufgebrachte Gemüht der Jungfrau zu besänftigen, redete ihr Fortunio mit so süßen Worten zu, dass sie einen Felsen würden erweicht haben; es gelang ihm endlich, über ihre Hartnäckigkeit zu siegen und, durch seine Anmut gewonnen, schloss sie Frieden mit ihm.
Da sie nun den Jüngling so schön und edel und wohlgebildet sah und an die Hässlichkeit des Sarazenen dachte, wurde sie sehr betrübt, dass dieser Sieger im Turnier und dadurch Besitzer ihrer Person sein sollte.
Sie war eben mit diesen Gedanken beschäftigt, als Fortunio ihr sagte: „Fräulein, hätte ich die Mittel dazu, wie gern würde auch ich mich unter die Kämpfer stellen, und mein Herz sagt es mir, ich trüge den Sieg davon."
„Wenn dies geschähe“, erwiderte die Prinzessin, „dürfte kein Anderer als ihr Anspruch an meine Hand machen." Und als sie ihn hierauf ganz in Feuer und mit dem besten Willen zu einer solchen Unternehmung sah, stattete sie ihn mit einer großen Menge Geldes und vielen Edelsteinen aus. Freudig empfing der Jüngling das Geld und die Kostbarkeiten und fragte sie, in welcher Kleidung es ihr am genehmsten sei, ihn erscheinen zu sehen.

 


„In weißer Seide“, erwiderte sie. Und wie sie es angeordnet hatte, so tat er auch.
Am folgenden Tage legte Fortunio eine glänzende Rüstung an, darüber zog er einen Waffenrock von weißer Seide mit reicher, goldener Stickerei und zierlicher Verbrämung, bestieg ein starkes, mutiges Ross, dessen Decke von der Farbe seines Ritters war, und begab sich, ohne von Jemand gekannt zu sein, nach dem Turnierplatz.
Das Volk, schon zu dem ruhmwürdigen Schauspiel versammelt, sah den kühnen, unbekannten Ritter mit der Lanze in der Hand zum Kampf gerüstet; man betrachtete ihn aufmerksam und mit großer Verwunderung und ein Jeder sagte: „Wer mag doch der Unbekannte sein, der sich so anmutig und prächtig zum Turnier darstellt?"
Fortunio trat in die Schranken und winkte seinem Gegner, ebenfalls einzutreten. Beide legten die knotigen Lanzen ein und stießen auf einander, wie zwei entfesselte Löwen; und so gewaltig traf der Jüngling den Sarazenen an den Kopf, dass dieser rücklings vom Pferde fiel und wie ein Glas, das gegen eine Mauer geworfen wird, tot auf dem Boden liegen blieb. Und so viel ihm deren an diesem Tage im Kampfe begegneten, Alle wurden sie von ihm niedergeworfen. Freudig und bewundernd sah die Prinzessin ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und dankte im Herzen dem Jüngling, der sie aus der Sklaverei des Sarazenen befreit hatte.
Als die Nacht gekommen war und man Doralicen zur Tafel rief, wollte sie nicht erscheinen; sie gab vor, jetzt keine Esslust zu fühlen und ließ sich auserlesene Speisen und köstliche Weine bringen, um, wie sie sagte, später etwas nehmen zu können, wenn sie dessen bedürft. Darauf verschloss sie sich in ihr Zimmer, öffnete das Fenster und erwartete den geliebten Freund mit inniger Sehnsucht. Er kam auch wie die vorige Nacht und fröhlichen Sinnes setzten sie sich mit einander zur Mahlzeit.
Ehe Fortunio sich entfernte, fragte er sie, wie er sich morgen kleiden solle. „In grüner Seide, ganz mit Silber und Gold gestickt“, gab sie zur Antwort, „und eben so die Decke des Pferdes." Und alles wurde auch am Morgen auf diese Weise ausgeführt.
Zur bestimmten Zeit erschien der Jüngling auf dem Platz, trat in die Schranken und wenn er den Tag zuvor Beweise seiner gewaltigen Tapferkeit abgelegt hatte, geschah es an diesem Tage noch bei Weitem mehr, so dass alle einstimmig behaupteten, die reizende Jungfrau müsse die Seinige werden.
Am Abend bediente sich die freudige, überglückliche Doralice desselben Vormundes, wie in der vergangenen Nacht. Sie schloss sich dann in ihr Zimmer ein, öffnete das Fenster, der Ankunft des kühnen Jünglings harrend, und sie speisten dann ungestört mit einander.
Als er sie nun wieder fragte, was für Kleider er morgen anlegen solle, antwortete sie: „Von dunkelroter Seide, mit Gold und Perlen durchwirkt, und eben so sei auch die Decke des Pferdes verziert; ich selbst werde auf ähnliche Weise gekleidet sein."
„Sollte ich“, sagte Fortunio noch, „morgen vielleicht etwas später als gewöhnlich beim Turnier erscheinen, so wundert euch nicht darüber, denn gewiss werde ich nicht ohne gegründete Ursache meine Ankunft verzögern."
Als mm der dritte Tag und die zum Turnier bestimmte Stunde gekommen war, erwartete das Volk mit lebhafter Freude, es beginnen zu sehen; allein wegen der übermäßigen Kraft des tapfern Unbekannten wagte es noch immer keiner von den Kämpfern zu erscheinen. Da er selbst sich aber auch nicht sehen ließ, regte sich nicht allein ein Misstrauen gegen ihn bei dem Volke, selbst die Prinzessin, obgleich sie auf sein Zögern vorbereitet war, wurde von Zweifeln gequält und die Angst ihres Herzens wurde so gewaltig, dass sie wie ohnmächtig zurücksank. Es hatte jedoch Niemand darauf gemerkt und da sie vernahm, Fortunio nähere sich bereits dem Turnierplatz, kehrten ihre verirrten Lebensgeister augenblicklich wieder.
Fortunio erschien nun in ein herrliches, reiches Gewand gekleidet, auf seinem hohen Ross, dessen Decke vom feinsten Golde, mit glänzenden Rubinen, Saphiren und großen Perlen durchwirkt, nach dem allgemeinen Urteil ein ganzes Königreich wert war. Sobald der beherzte Kämpfer auf dem Platze anlangte, riefen alle mit lauter Stimme: „Es lebe der unbekannte Ritter!" Und das Jauchzen und in die Hände Klatschen wollte kein Ende nehmen.
Er trat nun in die Schranken und hielt sich so tapfer, dass er alle, die sich ihm an diesem Tage entgegenstellten, zu Boden warf, und glorreich den Sieg im Kampfspiel davon trug. Darauf stieg er hinunter von seinem mutigen Ross und wurde unter dem Schall schmetternder Trompeten und anderer Instrumente und unter lautem Jubelgeschrei des Volks, das weit durch die Lüfte drang von den Ersten und Vornehmsten der Stadt auf ihren Schultern zum König getragen.
Als er in des Königs Gegenwart gelangte, legte er den Helm und die glänzende Rüstung ab und dieser sah einen schönen Jüngling vor sich. Da ließ er alsbald die Tochter rufen und gab sie ihm vor allem Volk mit großer Feierlichkeit zur Gattin, und die Feste und Gastereien, die der König bei dieser Gelegenheit anstellte, währten einen ganzen Monat hindurch.
Fortunio war nun eine Zeit lang der glückliche Gatte seiner geliebten Doralice gewesen, es schien ihm aber unziemlich und verachtungswert, stets im Müßiggang zu verharren und gleich unverständigen Thoren nichts zu tun, als die Stunden abzuzählen. Er beschloss deshalb zu reisen und Länder aufzusuchen, wo er Proben seiner Tapferkeit ablegen könnte. In dieser Absicht rüstete er eine Galeere aus, belud sie mit vielen Schätzen, die ihm der Schwiegervater geschenkt hatte, nahm von diesem und seiner Gemahlin Abschied und reiste ab.
Ein günstiger Wind beschleunigte seine Fahrt so, dass er bald zum atlantischen Meer gelangte; er hatte aber kaum zehn Meilen auf demselben gemacht, als eine Sirene, die größte, die jemals gesehen worden, sich dem Schiffe näherte und einen süßen Gesang anhub.
Fortunio, der an einer Seitenwand der Galeere saß, mit dem Kopf übers Wasser gelehnt, um besser zu hören, schlief ein, und schlafend, wurde er von der Sirene hinab gezogen, die augenblicklich entfloh. Da die Schiffsleute ihm nicht zu Hülfe kommen konnten, brachen sie in die schmerzlichsten Klagen aus, behingen das Fahrzeug mit schwarzen Teppichen und kehrten trostlos zu dem König und seiner unglücklichen Tochter heim.
Und als sie die schreckliche Begebenheit, die sich auf dem Meere zugetragen, erzählten, wurden der König und Doralice bald sinnlos vor Schmerz, das ganze Volk war in großer Betrübnis und alles legte tiefe Trauer an.
Bald darauf gebar Doralice einen Knaben, der unter der zartesten, liebevollsten Sorgfalt zu einem Alter von zwei Jahren heranwuchs. Da seine kummervolle Mutter sich nun noch immer ihres Gatten beraubt und ohne die mindeste Hoffnung sah, ihn jemals wieder zu besitzen, beschloss sie in ihrer hohen, männlichen Seele, sich dem Meer anzuvertrauen, sollte es auch gegen den Willen des Königs sein, um dort ihr Heil zu versuchen.
Sie ließ eine starke, wohlbewaffnete Galeere ausrüsten, nahm drei wunderbar gearbeitete Äpfel, von denen der eine von Messing, der andere von Silber und der dritte vom feinsten Golde war, sagte dem Vater Lebewohl und bestieg mit ihrem Knaben das Schiff. Der Wind blies frisch in die Segel und sie sah sich bald auf offenem Meere.
Als nun die in Traurigkeit versenkte Prinzessin auf der ruhigen, weiten Flut schwamm, befahl sie den Schiffsleuten, sie nach jenem Ort zu bringen, wo ihr Gatte von der Sirene hinab gezogen ward. Sie befolgten auch ihren Willen; sobald aber das Schiff zu der Stelle gelangte, wo der Vater verschwunden war, fing der Knabe an, bitterlich zu weinen und die Mutter konnte ihn durchaus nicht beruhigen.
Da gab sie ihm den Apfel von Messing und indem das Kind damit spielte, wurde ihn die Sirene gewahr. Sie näherte sich dem Schiff, erhob den Kopf über die schäumenden Wogen und sagte zu Doralice: „Gib mir diesen Apfel, Frau, denn ich bin ganz verliebt darin."
Die Prinzessin erwiderte, sie wolle ihn ihr nicht geben, es sei der Zeitvertreib ihres Kindes.
„Wenn du die Gefälligkeit haben wolltest, ihn mir zu schenken“, sagte die Sirene, würde ich dir deinen Gemahl bis an die Brust zeigen." Als Doralice hörte, dass sie den teueren Gatten sehen sollte, gab sie ihr unverzüglich den Apfel hin. Und die Sirene zur Vergeltung für das schöne Geschenk, zeigte ihr Fortunio bis an die Brust, wie sie es versprochen, tauchte dann wieder in die Flut und ward nicht mehr gesehen.
Der Prinzessin, die kein Auge von ihrem Gemahl verwandt hatte, gab dies nur ein um so größeres Verlangen, ihn ganz zu sehn; da sie sich aber nicht zu raten noch zu helfen wusste, suchte sie Beruhigung ihres Kummers in ihrem Kinde.
Der Knabe fing nun von Neuem an zu weinen und die Mutter gab ihm den Apfel von Silber um ihn still zu machen. Da erblickte die Sirene auch diesen und begehrte ihn zum Geschenk. Allein Doralice schüttelte den Kopf und verweigerte ihr das Spielzeug ihres Kindes.
„Gibst du mir diesen Apfel“, sagte die Sirene, „der weit schöner als der erste ist, so verspreche ich dir deinen Gemahl bis an die Knie zu zeigen." Die arme Doralice, die über alles wünschte, ihren Gemahl zu sehen, setzte in diesem Augenblick die mütterliche Zärtlichkeit hintan und gab freudig den Apfel weg, worauf die Sirene ihr Versprechen hielt und dann wieder in die Wellen tauchte.
Doralice schaute noch immer hin und wusste nicht, was sie anfangen sollte, ihren geliebten Fortunio vom Tode zu erretten. Da nahm sie den weinenden Knaben aus den Arm, um Trost in ihm zu finden; das Kind aber, sich seines Spielwerks, des Apfels, erinnernd, fing an noch heftiger zu weinen, so dass die Mutter sich genötigt sah, ihm den goldenen Apfel zu geben.
Sobald der gierige Fisch diesen in die Augen bekam, der noch weit schöner als die beiden ersten war, verlangte er ihn ebenfalls zum Geschenk und wusste die Mutter so gut zu überreden, dass sie, der Unzufriedenheit der Kindes ungeachtet, den Apfel hingab. Und weil die Sirene versprochen hatte, sie dafür den Gemahl ganz und gar sehen zu lassen, näherte sie sich, um ihre Zusage zu halten, dem Schisse, erhob den Rücken ein wenig über das Wasser und zeigte ihr Fortunio völlig, indem sie ihn auf sich sitzend über der Flut hielt.
Dieser, sehr froh, sich in Freiheit zu sehen, sprach eilends: „O wär' ich ein Adler!" Worauf er augenblicklich zum Adler ward und sich leichten Fluges auf den Mastbaum der Galeere schwang. Von dort flog er hinunter in das Schiff, wo er vor Aller Augen seine eigene Gestalt wieder annahm und zuerst seine Gemahlin und sein Kind und dann auch alle anderen im Schiff mit Inbrunst umarmte und küsste.
In großer Freude über den Wiedergefundenen kehrten sie nun sämtlich in das väterliche Reich zurück. Bei ihrer Ankunft im Hafen begannen sie Trompeten, Pauken, Trommeln und andere Instrumente erschallen zu lassen. Der König wunderte sich und war sehr begierig zu wissen, was es bedeute. Allein es währte nicht lange, da kam ein Bote und brachte ihm die Nachricht, Fortunio, sein Schwiegersohn, und seine geliebte Tochter wären da. Sie stiegen nun alle aus dem Schiff und zogen unter großem Jubel und Lärmen nach dem Palast.
In der Folge benutzte Fortunio auch das dritte Geschenk; er verwandelte sich in einen Wolf, zerriss alle, die ihm heimlich nachstellten und lebte nun lange Jahre mit seiner geliebten Doralice in Fried' und Freude.


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Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

 

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