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Wie viel ein Vaterunser wert ist - Märchen

Wie viel ein Vaterunser wert ist

Ein Bischof fand einen armen Menschen aus der Straße, dessen erbarmte er sich, räumte ihm eine Wohnung ein in seinem Hof und versprach ihm seine tägliche Nahrung zu geben so lange er lebte; doch sollte der Arme täglich ein Vaterunser für ihn sprechen, damit ihn Gott vor allem Übel bewahre: Das versprach der Arme. Da befahl der Bischof seinem Schaffner, dem Armen fortan täglich seine Nahrung zu reichen. Das geschah und der Arme sprach auch täglich ein Vaterunser für den Bischof, dass ihm kein Übel widerfuhr. Das währte bis der Bischof eine Reise nach Rom antreten musste; da geschah es eines Tags, dass der Schaffner vergaß, dem Armen seine Speise zu reichen. Da ließ der arme Mann das Vaterunser unterbleiben und sprach es nicht für den Bischof.

An demselben Tage geriet der Bischof in so große Rot, dass er fast ertrunken wäre, und kam auch nicht ohne großen Schaden davon. Diesen Tag merkte sich der Bischof wohl. Danach, als er wieder nach Hause kam, fragte er den armen Mann, ob er auch alle Tage das Vaterunser für ihn gesprochen hätte. Ja, sagte der arme Mann, alle Tage, nur einen Tag nicht. Da unterließ ich es, weil mir der Schaffner meine Nahrung nicht reichte.

Da ward der Bischof zornig und sprach zu dem Schaffner: Ihr habt mir großen Schaden getan, den sollt ihr mir ersetzen. Der Schaffner sagte: Herr, erzürnt euch nicht wider mich eines Vaterunsers wegen, ich will es euch gerne bezahlen. Sagt nur, was ihr dafür haben wollt. Ich verlange nicht mehr, sagte der Bischof, als was es wert ist: Fahrt gen Rom und fragt nach, wie viel ein Vaterunser wert sei.

Der Schaffner musste nach Rom fahren und den Pabst fragen, wie viel ein Vaterunser wert sei. Ein Vaterunser, sagte der Pabst, ist einen Pfennig wert. Der Schaffner kam also zurück zu dem Bischof und sprach: Herr, ich bin zu Rom gewesen bei dem Pabst und habe die große Mühe und Kosten aufgewandt für nichts und wieder nichts. Der Pabst hat gesagt, ein Vaterunser sei einen Pfennig wert. Ich wollte euch hundert Pfennige gegeben haben, wenn ihr mir die Müh und Kosten erlassen hättet. Aber der Bischof sprach: Hat denn der Pabst auch gesagt, was für einen Pfennig? Es gibt Gold-, Silberund Kupferpfennige.

Nein, sagte der Schaffner, davon war keine Rede. So müsst ihr noch einmal dahin fahren, sagte der Bischof, und fragen, was es für ein Pfennig sein solle. Der Schaffner musste also wieder nach Rom fahren und den Pabst fragen, was er für einen Pfennig gemeint habe. Der Pabst gab zur Antwort, es müsse ein goldener Pfennig sein. Als der Schaffner wieder nach Hause kam, sagte er: Herr, es soll ein goldener Pfennig sein. Ich hätte euch aber gern zehn Goldpfennige gegeben, wenn ihr mir die doppelte Reise erlassen hättet. Der Bischof sagte: Aber sagte der Pabst denn auch, wie groß der Pfennig sein sollte? Nein, sagte der Schaffner, davon ist keine Rede gewesen. Da sprach der Bischof: So zieht zum dritten Mal gen Rom und fragt den Pabst, wie groß der Pfennig sein solle. Mochte er nun wollen oder nicht, er musste zum dritten Mal gen Rom und den Pabst nach der Größe des Goldpfennigs fragen.

Der Pabst sprach: Der Pfennig soll so groß sein wie die ganze Welt und dabei so dick als der Himmel hoch ist. Betrübt zog der Schaffner heim zu dem Bischof, fiel ihm zu Füßen und sprach: Lieber Herr, seid mir gnädig, denn euer Vaterunser kann ich euch nicht bezahlen, ja die ganze Welt könnte es nicht, denn der Pfennig müsste so groß sein wie die ganze Welt und dabei so dick als der Himmel hoch ist von der Erde. Da erbarmte sich der Bischof über ihn und schenkte ihm wieder seine Gnade.

Deutsche Märchen, Karl Simrock - 1864, mit angepasster Schreibweise.

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