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Der eiserne Johann - Märchen, erzählt von Karl Simrock

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Der eiserne Johann

Einem alten Gedienten träumte, wenn er seinen Abschied nähme, könnte er sein Glück machen. Da ging er am Morgen zu seinem Hauptmann und bat um seinen Abschied. Es war eben Friede geschlossen und der König brauchte keine Soldaten mehr. Da sagte der Oberst: „Wenn du abgehen willst, so geh in Gottes Namen, ich kann dich nicht halten“, und gab ihm seinen Abschiedsbrief und einen alten Tornister, aber keinen Heller Geld auf die Reise. Da nahm er den Weg zwischen die Beine und als er den ersten Tag müde gelaufen war, kam er am Abend in einen großen Wald. Da dachte er das Schlafgeld zu sparen und auf einem Baum zu übernachten, wenn er anders kein Unterkommen fände. Als er aber auf den Baum stieg, sah er in der Ferne ein kleines Licht, stieg wieder hinab und ging darauf zu, bis er an ein kleines Häuschen kam. Getrost klopft er an: Da macht ihm ein altes Weib auf und bietet ihm freundlich guten Abend und sagt, wenn er wolle, könne er sein Glück machen. Ei, denkt er bei sich, wird dein Traum so bald wahr? Sollst du hier schon gleich dein Glück machen! Da bringt ihm das alte Weib Essen und Trinken, als hätte es schon für ihn bereit gestanden. Wie er sich nun satt gegessen und getrunken hat, nimmt sie einen Korb und ein langes Seil und sagt, nun sollte er mit ihr gehen und tun was sie ihm sage.

 

Sie gingen also aus dem Häuschen in den Wald bis vor einen alten verfallenen Brunnen. Da sagte sie, er sollte sich in den Korb setzen, sie wollt ihn an dem Seil hinunterlassen. Sie beschrieb ihm auch alles, was er unten zu tun hätte. Zuerst käme er in einen Garten, da sollte er hindurchgehen, bis er vor das Schloss käme. Vor dem Schloss stünde ein eiserner Mann Schildwacht, vor dem sollte er sich aber gar nicht scheuen, der täte ihm nichts.

 

Er sollte also in das Schloss gehen und geradeaus in einen Saal: da würde ein Wachsstock auf dem Tische stehen. Den sollte er nehmen und gleich wieder zu ihr zurückkommen. Der Soldat tat alles, wie sie ihn geheißen hatte, ging durch den Garten an das Schloss, wo der eiserne Mann Schildwacht stand. Um den kehrte er sich aber nicht, sondern ging durch das Tor in den Saal: Da stand der Wachsstock auf dem Tische. Die Türen der Nebensäle standen auch offen. Er ging in den Ersten: Der lag ganz voller Silber. Ei, dachte er, da könnte er sich seinen Tornister vollscharren, das wäre besser als der Wachsstock. Wie er seinen Tornister voll hat, sieht er auch in den andern Saal: Der lag ganz voller Gold. Da geht er zurück, schüttet das Silber wieder aus und füllt sich den Tornister mit Gold. Als er nun in den dritten Saal sieht, liegt der ganz voll Perlen und Edelgestein. Da geht er zurück, schüttet das Gold wieder aus und füllt sich den Tornister mit Peilen und Edelsteinen, Nun denkt er, habe er lebenslang sein Auskommen. Indem er nun durch die drei Nebensäle zurückgeht in den Hauptsaal, steht er in jedem Nebensaal eine Harfe hängen. Die gefielen ihm sehr wohl; weil sie aber zu groß waren zum Mitnehmen, ließ er sie hängen. Auch fiel ihm jetzt erst ein, die Alte habe ihn doch geheißen, den Wachsstock zu holen: Er nahm ihn also vom Tische und kam durch den Garten an den Brunnenschacht, wo der Korb herabhing.

 

Er setzte sich hinein und schüttelte an dem Seile: Da zog ihn die Alte hinauf. Wie er nun bald oben ist, ruft sie ihm zu, ob er auch den Wachsstock hätte. Ja, den hätte er in der Hand. Da zog sie ihn so hoch hinauf, dass sie den Wachsstock annehmen konnte. Wie sie ihn aber hat, lässt sie das Seil los und will ihn hinunterstürzen. Er fing sich aber mit Händen und Füßen an den Steinen und kletterte mit großer Mühe aus dem Brunnenschacht. Wie er nun droben war, ward er ärgerlich über die Alte, dass sie ihn hatte fallen lassen wollen, vergab ihr aber, denn sie hatte sich gleich mit dem Licht davongemacht, kriegte sie zu fassen, nahm ihr den Wachsstock und prügelte sie butterweich, dass sie kein Glied mehr rühren konnte. Dann nahm er den Wachsstock, steckte ihn in seinen Tornister und ging ganz fröhlich davon, denn er hatte nun Geld genug und meinte, sein Glück wäre schon gemacht. Am Abend kam er in eine große Stadt; es war die Hauptstadt des Landes. Da ging er in das vornehmste Wirtshaus, dem königlichen Schloss gerade gegenüber, und fragte den Kellner, ob er da logieren könnte. Als der Gastwirt sah, dass er so zerrissen aussah mit dem Tornister auf dem Rücken, kam er herbei und sagte: Hier logieren keine gemeine Soldaten, nur reiche Grafen und Herren. Da tastete er in seinen Tornister und holte eine Hand voll Gold heraus. Da spannte der Wirt gleich andere Saiten auf und fragte ganz höflich, welche Nummer er haben wollte.

 

Der Soldat sagte, das wäre ihm gleich, wenn er nur ein recht schönes Zimmer hätte mit der Aussicht nach dem königlichen Schloss. Das Beste könnte er haben, sagte der Wirt, das im ganzen Hause wäre. Nun logierte er da einige Zeit und ließ sich schöne Kleider machen und lebte flott wie ein Kavalier und meinte, sein Schatz könnte gar kein Ende nehmen. Es ging aber doch bald zur Neige. Da saß er eines Abends noch spät auf seinem Zimmer und hatte noch keine Lust, schlafen zu gehen, denn die Königstochter lag ihm im Sinne, die er aus seinem Fenster gesehen hatte. Sein Licht war ihm aber ausgebrannt, und weil es schon so spät war, dass alles Schlafen gegangen war, musste er im Dunkeln sitzen. Da fiel ihm ein, er hätte ja den Wachsstock in seinem Tornister: Den wollte er anzünden. Wie nun das Licht brennt, steht der eiserne Mann vor ihm, der im Garten vor dem Schloss Schildwacht gestanden hatte, und fragt: Was befehlen euer Majestät? Wie? sagte er, ich habe euch nichts zu befehlen. Ja, sagte der eiserne Mann, was euer Majestät befehlen, das muss ich tun. Wenn das ist, sagte er, so holt mir die Harfe, die im Schloss im ersten Nebensaal hängt. Nun dauerte es nur einen Augenblick, so hatte er die Harfe. Da fragte er den eisernen Mann nach seinem Namen; der sagte, er heiße der eiserne Johann, und was er ihm befehlen würde, das könnte er alles ausrichten, und so lange das Licht brennen würde, wäre er bei ihm und so wie es aus wäre, wieder vor dem Schloss. Nun dachte er, dann ist es gut, blies das Licht aus und legte sich Schlafen. Am andern Morgen nahm er die Harfe, setzte sich an das offene Fenster und fing an zu spielen und alles, was er dachte, das spielte die Harfe. Das hörte gegenüber die Königstochter und hätte ihm die Harfe gern abgekauft, denn ihr Klang war wie das reinste Silber. Sie schickte auch gleich hinüber und ließ fragen, was er für die Harfe begehrte. Er gab zur Antwort, zu verkaufen wäre sie nicht; wenn ihn aber die Königstochter besuchen käme, wollte er sie ihr schenken.

 

Die Königstochter mochte nicht selber kommen, schickte aber eins ihrer Kammermädchen, die sollte sich die Harfe von ihm schenken lassen. Er hatte aber mit dem Wirt abgesprochen, wenn die Königstochter selber käme, sollte er ihr mit zwei Lichtern herausleuchten; der Kammerjungfer nur mit einem. Die Königstochter hatte dem Kammermädchen hundert Taler versprochen, wenn sie ihr die Harfe brächte. Nun kam sie am Abend zu ihm und blieb bis zum andern Morgen: Da gab der Soldat ihr die Harfe mit. Die Königstochter war sehr erfreut und gab dem Kammermädchen sogleich die hundert Taler. Sie fragte auch, wie es ihr bei dem Junker gefallen hätte? O ganz wohl, sagte sie, sie habe ganz ungestört neben ihm liegen dürfen. Vor Tische zündete der Soldat seine Kerze wieder an: Sogleich stand der eiserne Johann vor ihm und fragte: Was befehlen euer Majestät? Da gebot er ihm, die Harfe aus dem andern Nebensaal herbeizuholen. Sogleich hatte er sie, setzte sich ans Fenster und fing an zu spielen: Da lautete diese noch schöner als die erste, ihr Klang war wie das reinste Gold. Nun hörte das die Königstochter und schickte wieder hin zu fragen, was er für die Harfe begehrte. Da ließ er sagen, er verkaufe sie nicht; wenn aber die Königstochter ihn besuchen käme, wollte er sie ihr schenken. Die Königstochter mochte aber noch nicht selber gehen, und schickte wieder eine ihrer Kammermädchen, der sie tausend Taler versprach, wenn sie ihr die Harfe brächte. Am Abend leuchtete ihr der Wirt mit einem Licht herauf; am Morgen bekam sie die Harfe und brachte sie der Königstochter, die ihr gleich tausend Taler zahlte, und fragte, wie es ihr bei dem Junker gefallen hätte? O, sagte sie, ganz wohl, sie habe so ungestört Schlafen können wie in ihrem eigenen Bette. Am Morgen zündete der Soldat den Wachsstock wieder an: Der eiserne Johann erschien sogleich und musste nun die dritte Harfe holen. Als er die hatte und am Fenster seines Herzens Gedanken darauf spielte, klang sie noch zehnmal schöner als die andern, die Töne waren wie Perlen und Diamanten. Die Königstochter war ganz außer sich vor Entzücken. Sogleich schickte sie und ließ fragen, was er für die Harfe begehrte. Er gab zur Antwort, verkaufen wollte er sie nicht, sie solle sie aber geschenkt haben, wenn sie ihn besuchen käme. Da dachte die Königstochter, ihre Kammermädchen hätten ungestört geschlafen, mithin könne sie das Geld wohl selbst verdienen. Wie sie nun am Abend kam, leuchtete ihr der Wirt mit zwei Wachskerzen hinaus, und am andern Morgen, als sie von ihm ging, gab er ihr die Harfe zum Geschenk. Sie hatte aber die Nacht doch nicht ganz ungestört geschlafen und nach einiger Zeit fühlte sie sich unwohl und klagte es ihrem Vater. Als der König das hörte, ward er sehr aufgebracht und ließ sogleich dem Soldaten rufen: Der ließ ihm aber sagen, wenn der König mit ihm zu sprechen hätte, möchte er sich gefälligst zu ihm bemühen. Da hatte er den Tag über Frieden; in der Nacht aber, als er schlief, stiegen des Königs Trabanten zum Fenster hinein, banden ihm Hände und Füße und warfen ihn ins Zuchthaus. Da hörte er vor seiner Kammer eine Schildwacht aus und abgehen: Der versprach er zwei Louisdors, wenn er zu seinem Wirt ginge und das Stümpfchen Wachslicht holte, das aus seiner Stube gestanden hätte. Die Wache dachte, das Geld wäre leicht zu verdienen und brachte ihm das Stümpfchen Licht und Zigarren und Schwefelhölzchen dazu. Wie er nun allein war, zündete er das Licht an und sogleich stand der eiserne Johann da und fragte: Was befehlen eure Majestät? Da sagte er, er sollte das Zuchthaus und das ganze königliche Schloss zusammenbrechen; dem König und seiner Tochter aber nichts zu Leide tun. Das tat der eiserne Johann und schlug alles zusammen, dass kein Stein aus dem andern blieb. Der Soldat aber ging ruhig in sein Wirtshaus und bezog die alte Stube. Als der König sah, dass er nichts mit ihm ausrichten könnte, ließ er ihm sagen, er sollte kommen, der König wollte ihm seine Tochter und das halbe Königreich geben. Er ließ aber zurücksagen, wenn ihm der König etwas zu sagen hätte, er wohnte noch, wo er gewohnt hätte. Da kam der König und brachte ihm seine Tochter und bot ihm das ganze Königreich, wenn er sogleich mit ihr Hochzeit machte. Das konnte er sich schon gefallen lassen, und machte sogleich Hochzeit. Dann zündete er sein Licht wieder an und befahl dem eisernen Johann, das Schloss mit dem Garten und das ganze versunkene Königreich unter der Erde wieder heraufzubringen, dass es wieder stünde, wo es früher gestanden hätte. Das tat der eiserne Johann und kam dann zurück und sagte, das Schloss stünde auf der Erde wieder am alten Fleck: Nun bäte er ihn aber, dass er mit ihm ginge vor das Tor des Schlosses. Wie sie dahin kamen, hob der eiserne Johann vor der Schwelle einen schweren Stein aus der Erde: Darunter lag ein Schwert. Mit dem Schwert, sagte der eiserne Johann, müsse er ihm den Kopf abhauen, so würde er erlöst. Der neue König meinte, das könnte er doch nicht tun, nachdem er ihm so treu gedient hätte. Aber der eiserne Johann sagte, das müsse er tun, damit er ein Kind der ewigen Seligkeit würde, ihm aber das ganze Königreich zufiele. Da tat er ihm seinen Willen und ward König über beide Länder, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch.
 

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