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Klein Kerlchen - Märchen von Simrock

Klein Kerlchen

Es war einmal ein klein Kerlchen, das ward alle Tage älter; wenn es aber ins Wirtshaus kam, ein Glas Bier oder Wein zu trinken, sagte der Wirt zu ihm: „Guten Tag, klein Kerlchen." Das war ihm sehr verdrießlich. Endlich ging es zum Schuster, sich ein paar Absätze unter die Stiefel machen zu lassen. Wie es in die Werkstatt kam, sagte der Schuster: „Guten Tag, klein Kerlchen. Womit kann ich denn dienen?" Da sagte klein Kerlchen: „Ihr sollt mir ein Paar Absätze unter die Stiefel schlagen, damit mich die Leute nicht immer klein Kerlchen nennen. Das ist mir sehr verdrießlich." Der Schuster tat es, ließ sich bar bezahlen und als klein Kerlchen aus der Werkstatt ging, sagte er: „Adieu, klein Kerlchen." Das war ihm sehr verdrießlich, dass der Schuster nicht mehr Respekt vor seiner eigenen Arbeit hatte. Der Wirt soll aber doch Augen machen, dachte er, und anders sprechen. Er ging also ins Wirtshaus, ein Glas Bier oder Wein zu trinken, und als er in die Stube trat, sagte der Wirt: „Guten Tag, klein Kerlchen; was ist ihm denn gefällig, ein Glas Bier oder Wein?" Das war ihm sehr verdrießlich, dass die hohen Absätze nicht besser gewirkt hatten. Als er aus dem Wirtshaus kam, ging er geradeswegs zum Hutmacher, sich einen Hut mit hoher Kuppe zu kaufen. Wie er in den Laden trat, sagte der Hutmacher:

„Guten Tag, klein Kerlchen! was ist euch denn zu Diensten?" „Ich will mir einen Hut kaufen“, sagte klein Kerlchen, „damit mich die Leute nicht immer klein Kerlchen nennen. Das ist mir sehr verdrießlich." Da gab ihm der Hutmacher einen Hut mit hoher Kuppe, empfing sein Geld und sagte: „Adieu, klein Kerlchen!" Das war ihm sehr verdrießlich, dass der Hutmacher nicht mehr Respekt vor seiner eigenen Ware hatte.

„Aber im Wirtshaus wird es jetzt anders lauten!" Er ging also ins Wirtshaus und behielt den Hut auf wie ein Engländer. Da kam der Wirt herein und sagte gleich: „Guten Tag, klein Kerlchen. Was ist ihm denn gefällig, ein Glas Bier oder Wein?" Das war ihm sehr verdrießlich, da er doch Absätze unter den Stiefeln und den Hut mit hoher Kuppe auf dem Kopfe hatte. Dass sie ihn nun doch noch klein Kerlchen nennen konnten, das fand er ganz unbegreiflich. Er fragte auch alle Leute, warum sie ihn denn immer klein Kerlchen nennten; er sei doch nun hübsch ausgewachsen, und habe auch Absätze unter den Stiefeln und einen Hut mit hoher Kuppe auf dem Kopfe. Warum er denn noch immer das kleine Kerlchen heiße? Aber so viel er fragte. Niemand wollte es ihm sagen; das war ihm sehr verdrießlich. Endlich dachte er bei sich selbst, wenn es hier Niemand wisse, so wolle er nach Rom zum Pabst reisen: der müsse es doch wissen. Andern Tags schnürte er richtig seine sieben Sackspfeifen zusammen und nahm den Weg zwischen die Beine. Da kam er eines Abends an ein Wirtshaus und suchte Herberge.

Wie er eintritt, sagte der Wirt: „Guten Tag, klein Kerlchen! Wohin geht die Reise?" „Zum Pabst nach Rom“, sagte klein Kerlchen, „der soll mir sagen, warum ich immer klein Kerlchen heißen muss und habe doch Absatze unter den Stiefeln und einen Hut mit hoher Kuppe auf dem Kopf: das ist mir sehr verdrießlich." „Recht!“, sagte der Wirt; „so will ich auch mit euch, den Pabst zu fragen, warum ich immer der arme Wirt heißen muss." Das hörte der Hausknecht und sagte: „So will ich auch mit und den Pabst fragen, warum ich immer der faule Knecht heißen muss." Da machten sich andern Tags die Drei auf den Weg und als sie gen Rom kamen, ließen sie sich bei dem Pabste melden. Da wurden sie in ein Zimmer geführt, worin ein großer Spiegel hing. Als nun der Pabst kam und ihr Anliegen hörte, sagte er zu dem Wirt: „So stellt euch hier rücklings gegen den Spiegel, seht über die linke Schulter hinein und sagt mir, was ihr da seht." Da sagte der Wirt: Da sähe er eine Menge Weiber am Kaffeetisch sitzen. Der Pabst fragte, ob denn seine Frau nicht auch dabei wäre?

„Ja", sagte der Wirt, „die säße mitten darunter. „Ja seht, Herr Wirt“, sagte der Pabst, „eure Frau besucht Kaffeevisiten und hält auch selber Kaffeevisiten: darum seid und bleibt ihr der arme Wirt. Nun war die Reihe an dem Knecht: Der musste auch rücklings gegen den Spiegel stehen, über die linke Schulter hineinsehen und dann sagen, was er sähe. Der Knecht sagte, da liefen die Hunde einem Hasen nach. Der Pabst fragte ihn, ob denn die Hunde den Hafen nicht einholten? Nein, sagte der Knecht, der Hase wäre so geschwind als die Hunde sein möchten und schwerlich würden sie ihn einholen. „Ja seht“, sagte der Papst zu dem Hausknecht, „wenn Ihr auch so geschwind liefet zu tun, was euch der Wirt oder die Gäste hießen, wie der Hase vor den Hunden läuft, so brauchtet ihr nicht der faule Knecht zu heißen. Nun kam zuletzt auch die Reihe an das kleine Kerlken:

Der musste sich auch rücklings gegen den Spiegel stellen und über die linke Schulter hineinschauen. Da fragte ihn der Pabst was er schaue. Klein Kerlchen sagte, da sähe er nichts als sich selbst. Der Pabst fragte, ob er denn im Spiegel größer scheine als in der Wirklichkeit? „Nein“, sagte klein Kerlchen, „nur gerade so groß." „Ja seht“, sagte der Pabst, „dann weiß ich euch nichts anders zu Raten, als dass ihr euch so lange messen lasst bis ihr groß werdet. Hernach braucht ihr nicht mehr klein Kerlchen zu heißen.

Deutsche Märchen, Karl Simrock - 1864, mit angepasster Schreibweise.

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