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Der Müller im Himmel - Märchen, erzählt von Karl Simrock

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Der Müller im Himmel

Es war ein pfiffiger Müller, der lehrte die Säcke tanzen. Wenn sie in seine Mühle kamen, pfiff er ihnen ein Liedchen vor, und wollten sie nicht tanzen dazu, so mussten sie zur Strafe Korn lassen. Als er nun gestorben war, ward ihm ein ehrliches Begräbnis zugedacht von zwei Pfarrern aus einmal, denn seine Mühle lag grade auf der Grenze zweier Kirchspiele, und da hätte ihn der eine Pfarrer gern begraben und der andre noch lieber. Um nun den Streit zu schlichten, band man ihn nach dem Rat eines klugen Mannes auf einen Esel: Wohin der ihn trüge, da solle er begraben werden. Und sieh, der Esel wusste noch am besten Bescheid, denn er trug ihn grade unter den Galgen und da wurde er auch begraben. Seine Seele aber nahm ein Teufel und führte ihn vor das Höllentor. Da stand Meister Satanas und fragte: „Wen bringst du denn da geschleppt?" „Den pfiffigen Müller von Zweibrücken“, sagte der Teufel. „Holla, Passamagori“, rief Satanas, „der mag so nicht einpassieren. Erst muss er ins Himmelreich gucken, damit es ihn desto mehr verdrießt, wenn er die Seligkeit da sieht und kann ihrer nicht teilhaft werden." Also führte ihn der Teufel vor das Himmelstor: Da war Gesang und Spiel und die Engelchen tanzten auf der Mauer. „Siehst du nun“, fragte ihn der Teufel, „wie lustig es da zugeht?"

 

„Dummerjan“, versetzte der Müller, „kann ich denn durch die Wände sehen? Warte doch bis die Tür aufgeht." Da kam eben St. Peter an die Pforte, einen frommen Mann einzulassen, dem er flügelweit auftat. Der pfiffige Müller tat, als wollte er eben nur hineingucken; aber ehe sich's der Teufel versah, war er hinter St. Peters Rücken hineingewischt. Der Teufel schlug gleich Lärm und verlangte seinen Braten: Das sei doch keine Kost für solche Leckermäuler.

 

St. Peter, der die Beschwerde begründet fand, hatte ihn bald ausgewittert und fragte: „Wie bist du hier hereingekommen? Scher dich gleich heraus, hier hast du nichts zu schaffen." „Fein sachte“, spottete Pfiff, „solche Eile hat es noch nicht! Hier ist es zu schön, als dass ich schon wieder hinaus begehrte. Ehe der Hahn dreimal gekräht hat, verleugne ich meinen Heiland nicht." Der hat Haare auf den Zähnen, dachte St. Paul, da muss ich dem Alten zu Hilfe kommen. „Jetzt seid so gut, Freund, und trollt Euch Eures Weges. Dort hat der Zimmermann ein Loch gelassen." „Ei, mit wem hab ich denn die Ehre?“, fragte der Müller höflich. „Ich bin St. Paul, der Apostel." „Wenn ihr St. Paul seid“, sagte der Müller, „so haltet Frieden und werft keinen Stein auf mich. Ich bin nicht St. Stephan. Blinder Eifer schadet nur." „Da hast du auch deinen Teil“, sagte Petrus. Beschämt ging St. Paul hinweg und klagte den Unfug Gott dem Herrn.

 

Dieser schickte sogleich St. Christophorus, ihn hinauszuweisen. Der pfiffige Müller erkannte ihn alsbald an seiner großen Keule und diesen ungeschlachten Gliedmaßen und sagte: „Meinst du, ich fürchte mich vor deinem großen Kolben, du alter Heide? Du haft damit großen Mord verübt, es klebt viel unschuldiges Blut daran." So schickte der Herr noch andere Heilige zu ihm; aber allen rückte er ihre Gebrechen vor, dass sie die Augen niederschlugen und verstummten. Nun waren sie in großer Verlegenheit, wie sie ihn hinausschaffen sollten. Endlich berieten sie sich, die unschuldigen Kinder gegen ihn zu schicken, die Herodes ermordet hatte, denn denen würde er nichts anhaben können. Aber der pfiffige Müller erdenkt gleich wieder einen neuen Rank und teilt ihnen Pfefferkuchen aus und Äpfel mit roten Backen und hübsche Bilderchen mit bunten Farben und Goldverzierung; dann schüttelt er ihnen Birnen und Pflaumen von den Bäumen, und lässt sie die Fische in dem Teichen füttern. Auch machte er ihnen Windmühlen und Waldteufel und allerlei anderes Spielzeug; zuletzt pfeift er ihnen ein Liedchen und lehrt sie im Kreise hüpfen und tanzen und sie begreifen es besser als seine Säcke. Da war an kein Austreiben zu denken. Endlich machte sich die Mutter Gottes selber auf und kam zu ihm und sprach: „Mann, du musst hinaus! hier ist deines Bleibens nicht länger." „Schöne Frau“, sagte der Müller, „wer seid ihr doch? Alle die Tage meines Lebens habe ich so Holdseliges nicht gesehen.

 

Die Sonne am Himmel muss sich vor euch verbergen." Da sprach unsere liebe Frau: „Ich bin die Mutter Gottes." „O heilige Jungfrau“, rief der Müller, „von euch geschieht mir nichts zu Leide, ihr seid aller Gnaden voll, die Mutter der Barmherzigkeit: alle Welt hofft aus eure Fürsprache und euer Sohn kann euch nichts versagen. Ihr seid die Königin des Himmels: in euern Schutz befehl ich mich." Da wandte sich die Mutter Gottes wieder um und kam zu ihrem Sohne und sprach: „Ich kann dem Mann nichts zu Leide tun, er hat mich so beschieden, dass ich's nicht übers Herz bringen kann, ihn hinauszuweisen." Da sprach Gottes Sohn: „So werd ich selber zu ihm gehen müssten, wenn wir ihn los werden wollen." Da kam er im Geleit der himmlischen Heerscharen gegangen und sprach zu dem Müller: „Mann, deine Heimat ist hier nicht: Deine Ränke und Pfiffe und deine scharfe Zunge helfen dir nicht länger." Da sprach der Müller: „Ihr seid klar und schön und kommt mit großem Gefolge gegangen; wer seid ihr denn?" „Ich bin“, sprach Gott der Herr, „der Himmel und Erde geschaffen und die Menschheit erlöst hat." „Ihr seid Gott selber“, sprach der Müller, „das hör ich wohl. Dann werde ich aber nicht vertrieben, denn ihr selbst habt gesprochen, wie ich oft predigen hörte, wer zu euch komme in eures Vaters Haus, den wolltet ihr wohl empfangen."

 

„Ja“, sprach der Herr, „wenn er auch meines Vaters Willen getan hat. Hätte mein Vater dich zu mir gesandt, so solltest du ewig mit mir leben. Du hast aber nie etwas Gutes getan, darum kann deiner Seele nicht Rat werden." „Wie ist mir denn?“, sagte der Müller, „hab ich nicht euch zu Liebe einmal einen alten Sack gegeben? Wo bleibt der nun?" Da sprach Gott der Herr: „Geht hin und holt ihm den alten Sack, er mag ihn nur wieder nehmen. Hier bleiben darf er nicht." Sogleich ward ihm der alte Sack gebracht. Der Müller bedachte sich nicht lange, breitete den Sack auf der Erde aus und setzte sich darauf. „Geh jetzt hinaus“, sprach der Herr, „du hast deinen Teil“, „Ich sitze hier auf meinem Eigentum“, sagte der Müller, „ich will doch sehen, wer mich davon vertreiben will." — Da musste unser Herrgott selber über seine seine Schalkheit lachen und ließ ihn sitzen, und da sitzt er noch hinter der Tür, wenn er nicht seitdem einen bessern Posten erwischt hat.
 

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