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Der Mann im Pflug - Märchen, erzählt von Karl Simrock

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Der Mann im Pflug


Ein junger König von Portugal hatte eine wunderschöne Gemahlin, des Königs Tochter von England. Ihm stand aber immer der Sinn nach fernen fremden Ländern und wenn ein Schiff in seinen Hafen lief, wurden die Pilger und Kaufleute schon am Ufer von des Königs Amtleuten bewillkommt und in sein Schloss geführt, damit sie ihm erzählten was sie auf ihren Reisen Wunderbares gesehen und erlebt hätten. Daran konnte er sich nicht satt hören: Es nahm ihm so die Gedanken ein, dass er Tag und Nacht nicht ruhen mochte vor Begierde, auch einmal selbst die Welt zu sehen und ihre Wunder zu erfahren. Er ließ denn auch wirklich ein Schiff ausrüsten und bat seine Gemahlin, ihm auf ein Jahr Urlaub zu gewähren; er werde diese Frist gewissenhaft innehalten. Die Königin erschrak und hielt flehentlich an, dass er bei ihr bliebe. Sie könne nicht ohne ihn leben: Auch bedürfe sie seines Schutzes in dem fremden Lande, wo ihr niemand hold sei. „Doch wollt' ich dieser Gefahr nicht achten“, fuhr sie fort, „wenn ich nicht für dich, mein Geliebter, zittern müsste. Die Welt ist voll Untreu und Gefahren und wenig Gutes ahnt mir von dieser Reise."

 

Aber der junge König sprach: „Um mich darfst du unbesorgt sein, ich kenne keine Furcht für mich selber. Aber um dich ist mir doch bange, nicht als ob ich dich nicht sicher wüsste in meinem Lande, wo du statt meiner gebietest, sondern weil es im Sprichwort heißt, dass die Frauen langes Haar und kurzen Sinn haben. Doch bitte ich dich nur um das Eine, dass du mir deine Treue dieses kurze Jahr über bewahrst. Kehr ich dann nicht zurück und sende dir auch keine Botschaft, so bist du frei und magst über deine Hand und dieses Königreich verfügen wie dir gefällt."

 

Als die Königin hörte, dass er von seinem Entschluss nicht abzubringen sei, weinte sie bitterlich, denn sie liebte ihren Gemahl von ganzem Herzen. „Nicht dieses Jahr allein“, rief sie, „alle die Tage meines Lebens will ich aus dich warten. Weil du aber um meine Treue besorgt bist, so kann ich dich hierüber völlig beruhigen. Nimm dieses Hemd und leg es an: so lange das weiß und rein bleibt, so lange ist auch meine Ehre und Treue rein und fleckenlos." Als er nun auf das Schiff gehen sollte, begleitete sie ihn an den Strand, nahm einen schmerzlich bewegten Abschied von ihm und als der Anker gelichtet wurde, blieb sie am Ufer stehen und blickte ihm so lange nach bis der letzte Schimmer der weißen Segel sich im Duft der Ferne verlor. Da sang sie leise vor sich hin:

Mein Schatz, mein einzig Gut,
Das ich nicht missen kann,
Fahr in des Himmels Hut,
Du herzgeliebter Mann!
Ade, Vergissmeinnicht,
Das Blümlein halt in Acht:
Ich denke nur an dich:
Ade, zu guter Nacht!

 

Der junge König von Portugal fuhr nun von Lande zu Lande, von Küste zu Küste, und besuchte das heilige Grab und alle die Stätten, von denen er je hatte sagen hören.

 

Als aber das Jahr zur Neige ging, gedachte er seines Versprechens und befahl seinem Steuermann, den Seeweg nach Portugal zu nehmen. Wie sie aber einen Tag Gefahren waren, wurden sie von drei Kaperschiffen aufgebracht (geentert) und nach tapferer Gegenwehr übermannt und gebunden auf den Boden des Schiffes geworfen. Seine Gefährten schickte man aus den Sklavenmarkt: Ihn selber aber schenkten die Seeräuber dem Sultan von Babylon. Der wusste von keinem Mitleid mit den Christenhunden, sondern ließ den König wie ein Tier in den Pflug spannen, und gab ihm einen Treiber bei, der die Peitsche unbarmherzig über ihn schwang, dass er das Feld mit seinem Schweiß und Blut düngte. Länger als ein Jahr hatte er diese Qual ertragen, als eines Tages der Sultan auf einem Spaziergange durch seinen Garten an ihm vorüberkam. Da nahm er der Gelegenheit wahr, tat einen Fußfall vor ihm und bot hohes Lösegeld für seine Freiheit: „Gewiss werden meine Untertanen und mein treues Weib daheim zu zahlen bereit sein was du forderst, um mich aus so grausamer Knechtschaft zu erlösen." „Schweig, Christenhund“, rief der Sultan, „wie magst du von grausamer Knechtschaft sprechen? Man sieht es ja deinem Hemde an, dass du heute noch wenig Schweiß in meinem Dienste vergossen hast." Aber der Sklave erwiderte: „Dieses Hemd, Sultan, trage ich nun über Jahr und Tag: so lange ich in deinem Dienste das Feld umackere, ist kein anderes Gewand an meinen Leib gekommen und immer bleibt es weiß und rein. Als ich von Hause fuhr, gab es mir meine Gemahlin und sagte, an ihm sollte ich erkennen, dass sie mir unverbrüchliche Treue bewahre, denn so lange sie ihrer Ehre hüte, so lange werde auch dieses Hemd rein und unbefleckt bleiben."

 

Als dies der Sultan hörte, wollte er es nicht glauben, aber der Treiber versicherte, der Sklave habe nie ein anderes Hemd getragen und noch sei es so rein als am ersten Tage. Da erstaunte er über das Wunder und schwur bei seinem Barte, er müsse die Königin von Portugal kennen lernen, um ihre Treue auf die Probe zu stellen. Er ließ sogleich ein Schiff ausrüsten und fuhr nach Lissabon, wo er mittags ankam und der Königin melden ließ, der König von Babylon wünsche sie zu sprechen. Da ließ sie ihm zurücksagen, heute könne er sie nicht mehr sehen; aber morgen um die elfte Stunde werde sie ihn empfangen. Sie empfing ihn aber nicht anders als im Angesichte des ganzen Hofes. Da trat er von Gold und Edelsteinen strahlend vor sie hin und bot ihr Herz und Hand und den mächtigsten Thron der Welt. „Verschmäht mich nicht“, sprach er, „denn nie wird euch wieder ein solches Glück geboten. Wisst, dass in meinen Reichen die Sonne nicht untergeht und dass ich drei Weltteilen gebiete. Kein Kaiser in der Christenheit darf sich mir vergleichen." Da sprach die Königin zu ihm: „Herr, ich bin vermählt; aber wäre ich auch frei, so bin ich Christin und ihr seid Heide." Der Sultan entgegnete: „Frau, das hindert nicht; ihr würdet nicht die einzige Christin unter meinen Gemahlinnen sein. Wenn es aber euer Glaube mit sich bringt, dass euer Mann nur euch vermählt sei, so will ich meinen ganzen Harem entlassen und euch allein zur Sultanin haben. Was eure eigne Vermählung belangt, so ist euer Mann mein Sklave, der, in den Pflug gespannt, mir das Feld ackert. Es kostet mich einen Wink, so ist dies Hindernis gehoben. Wünscht ihr jedoch, dass er am Leben bleibe, so will ich ihm die Freiheit schenken und ein Schiff ausrüsten lassen, das ihn unverletzt nach Portugal bringe. Aber der Preis dafür sei eure Hand." Als die Königin dies von ihrem Manne hörte, wäre sie vor Schrecken fast in Ohnmacht gefallen. Sie fasste sich aber wieder und sprach: „Alle meine Schätze biete ich euch zum Lösegeld meines Mannes; aber meine Hand könnt ihr nicht gewinnen. Ich weiß auch, dass mein Herr und Gemahl um solchen Preis Freiheit und Leben nicht erkaufen möchte." Damit ließ sie ihn stehen und ging weinend hinaus; und als er sie nochmals und zwar allein zu sprechen verlangte, ließ sie ihm sagen, er dürfe ihr nie wieder vor die Augen kommen.

 

Während er nun zu seinem Schiffe zurückging, verhängte sich die Königin das Antlitz mit einem Schleier und eilte in den Wald hinaus zu einem frommen Einsiedler, bei dem sie ost Trost und Rat gefunden hatte. Der ließ es ihr auch heute nicht daran fehlen, gab ihr eine Harfe und eines Spielmanns Bart und Kleider, mit welchen er selbst einst die Welt durchzogen hatte. So verkleidet ging sie an das Meer, wo des Sultans Schiffe lagen, setzte sich aus einen Stein und fing an zu singen:

Was fehlet dir, mein Herz,
Dass du so in mir schlägest?
Wie kommt es, dass du dich
So heftig in mir regest?
Warum erhebst du dich
Mit solcher starken Macht
Und störest mir die Ruh,
Den süßen Schlaf bei Nacht?


Als der Sultan den Spielmann singen hörte, ward er aufmerksam und ging hinzu, denn solchen Gesang und solches Spiel hatte er in seinem Leben noch nicht vernommen. Der Spielmann tat, als sähe er ihn nicht und fuhr fort zu singen:

Ich weiß die Ursache schon:
Was will ich lange fragen?
Mich hat ein jäher Sturm
In dieses Leid verschlagen.
Es fallen über mich
Die Unglückswellen her,
Ich schwebe voller Angst
Aus einem wilden Meer.

„Willst du mit über See, Spielmann?“, fragte der Sultan. „Nein“, sagte er, „was sollt ich in einem fremden Lande?" „Du singst ja, als schwebtest du schon aus dem Meere." „Das sind nur so meine Gedanken“, entgegnete der Spielmann. „Höre", sagte der Sultan, „du kannst dein Glück machen, wenn du mit mir fährst. Wisse, ich bin der Sultan von Babylon, der mächtigste König aus Erden." Der Spielmann weigerte sich; aber der Sultan ließ nicht nach in ihn zu dringen; er versprach, ihn wieder heimzusenden, sobald es ihm gefiele; er wolle ihm auch jeden Wunsch erfüllen, was er nur zum Lohne begehre, und beschwor ihm das bei seinem Barte. Da ließ sich der Spielmann endlich bereden und ging mit ihm zu Schiffe. Unterwegs musste er ihm alle seine Lieder singen und der Sultan konnte sie nicht oft genug hören. Als sie nach Babylon kamen, ließ er ihm alle Ehre antun; auch musste er bei Tafel an seiner Seite sitzen; dazu überhäufte er ihn mit Geschenken und das Gleiche taten die Herrn an seinem Hofe und alle Fürsten des Landes, die seinen Gesang nicht genug bewundern konnten. Da ging eines Tages der Sultan mit ihm durch seinen Rosengarten spazieren und blieb bei einem Manne stehen, der in den Pflug gespannt war. „Sieh“, sprach er zu ihm, „dies ist der König von Portugal; tut es dir nicht leid, dass der König deines Landes hier den Pflug' ziehen muss?" „Ich bin nicht von Portugal“, sagte der Spielmann, „sondern aus England gebürtig; aber wir Spielleute haben keine Heimat: wir ziehen von Land zu Lande und überall heißt man uns willkommen. Doch wäre ich gern wieder jenseits des Meeres: das Verlangen darnach lässt mich nicht Schlafen:

 

Es störet mir die Ruh,

Den süßen Schlaf bei Nacht."

„Gefällt es dir nicht in unserm Lande?“, fragte der Sultan. „Es kann nirgendwo schöner sein“, antwortete der Spielmann, „als in diesem Rosengarten." Da fing er an zu singen:

Ich kam vor kurzer Zeit
In einen schönen Garten,
Da blühten weit und breit
Viel Blumen aller Arten.
Doch eine Rose war,
Die mir zumeist gefiel:
Die blühte wunderbar
Auf ihrem Dornenstiel.

 

Der Sultan fragte, welche Rose er meine. Da zeigte er ihm eine und der Sultan brach sie ihm. Da sang der Spielmann:
Du edle Rose gut,
Die du in Dornen sitzest,
Wie bitter bis aufs Mut
Du mir den Busen ritzest,
So freut mich doch dein Schein
Und deiner Farben Pracht,
Und flüstre voller Pein:
Ade, zu guter Nacht!


Damit gingen sie aus dem Garten und der Spielmann sang:
Jetzt muss ich ganz betrübt
Aus diesem Garten gehen,
Und was ich stets geliebt
In schweren Banden sehen;
Doch zögest du mit mir,
So blickt' ich nicht zurück:
Nur dort, nur dort, nicht hier
Blüht mir des Lebens Glück.

 

Seit diesem Tage ward der Spielmann immer stiller und trauriger; auch seine Lieder klangen täglich harmvoller und rührender. Dabei zehrte er sichtlich ab und die Blässe seiner Wangen verriet, dass er an einer Krankheit leide, die nur jenseits des Meeres geheilt werden könne. Als er daher vor den Sultan trat mit der Bitte, er möchte ihn doch heimschicken, konnte er es nicht abschlagen und sagte: „Lieber Spielmann, wenn ich nicht sähe, wie weit es mit dir ist, so böte ich dir alle Schätze meiner Kammer, damit du bei mir bliebest. Da aber das Heimweh dich nicht länger hier duldet, so zieh in Frieden; sage mir aber, welchen Lohn du für deine Lieder begehrst; du weißt, ich habe bei meinem Bart geschworen, dir keine Bitte zu versagen." Der Spielmann sprach: „Herr, ihr habt mich hier reich genug beschenkt: ich habe mein Leben lang daran zu zehren. Wenn ihr mir aber eine Wohltat erzeigen wollt, so schenkt mir einen eurer Christensklaven, damit ich aus der Heimreise einen treuen Begleiter habe." Da ließ der König alle seine Sklaven herbeibringen und darunter war auch jener Mann, der ihm den Pflug zog. Der Spielmann ging durch ihre Reihen, sah sich Mann für Mann prüfend an und wählte endlich den König von Portugal. Daran nahm der Sultan kein Arg; vielmehr ließ er ihm und seinem Reisegefährten ein prächtiges Schiff ausrüsten und reich mit Schätzen beladen. Da beurlaubte sich der Spielmann von dem Sultan und allen Herren des Hofes und stellte sich, als bestiege er mit dem Könige von Portugal das Schiff; stahl sich aber heimlich hinweg und pilgerte erst zu Fuß nach dem heiligen Grabe, denn zu dieser Wallfahrt hatte er sich für das glückliche Gelingen seines Vorhabens schon im Walde bei dem Einsiedel verlobt. Wie aber das Sprichwort ein wahres Wort ist, dass Kirchengehen nicht säumt, so gab es ihm Gott zu Lohn, dass er noch vor dem König von Portugal in Lissabon anlangte. Erst am andern Tage kam auch dieser in den Hafen gesegelt und ward von seiner Gemahlin, die schon am Strande stand, mit tausend Freuden empfangen.

Aber dem König konnte es nicht lange verborgen bleiben, dass die Königin über Jahr und Tag aus dem Lande gewesen war; auch fehlte es nicht an falschen Zungen, die sie deshalb der Untreue bezüchtigten. Der König wollte ihnen jedoch kein Gehör geben, weil das Hemd, das er in der Gefangenschaft getragen und auch jetzt nicht vom Leibe ließ, noch so weiß und rein war wie frischer Schnee. Allein die Anklagen wurden immer dringender: da riss ihn endlich die Eifersucht hin, ihr über Tisch die Frage vorzulegen, wo sie über Jahr und Tag gewesen sei. Da bedeckte die Königin ihr Angesicht mit einem Tuche, stand auf und ging weinend aus dem Saale. Schon hatte der König den Befehl gegeben, sie gefangen zu nehmen, als der Spielmann hereintrat und zu singen begann:

Jetzt muss ich ganz betrübt

Zu meinem Grabe gehen

Und bald, was ich geliebt,

In fremden Armen sehen.

Ist das der Treue Lohn,

Dass ich dich frei gemacht?

Doch klingt mein heller Ton:

Ade, zu guter Nacht!

 

Der König, der den Spielmann sogleich erkannt hatte, verstand doch den Sinn seines Liedes nicht. Aber dieser fuhr fort zu singen:

O Rose voller Pracht,

Die du in Dornen sitzest,

Wie bitter mit Verdacht
Du mir den Busen ritzest!
Ich habe dich erlöst
Aus fernem, fremden Land:
Für Lieb und Treue stößt
Mich von sich deine Hand.

Hiermit ließ er das Spielmannskleid von seinen Schultern fallen und in königlichem Schmuck stand die Königin von Portugal vor ihm da. Erstaunt und betroffen sprang der König von seinem Sitze, fiel ihr zu Füßen, küsste den Saum ihres Gewandes und bat ihr unter vielen Tränen sein Unrecht ab. Dann ergriff er selber die Harfe und sang kniend:

Du meiner Seele Bild,

Wie hab ich mich vergangen!

Der Reue Träne quillt,

Rot färbt mir Schuld die Wangen.

Ich küsse Fuß und Hand,

Den Saum dir am Gewand.

Im Staube lieg ich hier:

Vergieb, Geliebte, mir!

Du hast mich frei gemacht

Von Ketten und von Banden,

Mich in mein Reich gebracht

Aus großer Not und Schanden,

All, all mein Leben lang

Will ich dir sagen Dank,

Dein treuer Diener sein,

Herzallerliebste mein!

 

Die Königin hob ihn auf, zog ihn an ihr Herz und küsste ihm die Tränen von den Wangen. Der König erzählte seinen Tischgenossen und dann auch dem ganzen Volke vom Altan des Schlosses, was die Königin für ihn gewagt hatte und wie er ihr allein sein Reich und seine Freiheit verdanke. Auf ihren Wunsch und um die Freude dieses Tages nicht zu trüben, verzieh er auch allen ihren Anklägern. Da war großer Jubel im ganzen Lande. Die Hauptstadt ward mit Fahnen und roten Tüchern geschmückt und das neu verbundene Königspaar im Triumph über Markt und Straßen geführt. Nun genossen sie erst ihres Glücks und gedachten bis in hohes Alter gern der überstandenen Trübsale.
 

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