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Betrogene Schelme - Märchen von J. W. Wolf

Die betrogenen Schelme

Es war einmal ein Küster, ein sehr ehrenwerter und braver, aber dabei doch auch gar geschliffener Mann, und so geliebt in der Gemeinde, dass wenige starben, die ihn nicht in ihrem Testamente bedacht hätten. Dadurch war er langsam zu Geld gekommen und hatte sich hübsche Sümmlein erspart, lebte auch ganz gemächlich davon auf seine alten Tage. Verheiratet war er nicht, dafür aber hatte er eine alte Haushälterin und einen alten Freund, die mit ihm zusammen hausten. Es war ihm aber seit langer Zeit schon seine liebste Freude, wenn er an den wöchentlichen Markttagen in die Stadt gehen und dort sein Glas Bier ungestört und in guter Gesellschaft trinken konnte; daran hinderte ihn nun seine immer mehr zunehmende Schwäche und deshalb riet man ihm von allen Seiten, er solle sich ein Pferd oder doch wenigstens ein Maultier kaufen. Endlich beschloss er denn auch, dem Rate zu folgen und machte sich am nächsten Markttage in aller Frühe auf den Weg, Das Glück wohlwollte ihm auch und er erhandelte sich ein prächtiges Tier, worauf er so stolz, wie ein Kaiser, nach Hause zurückritt. Nun waren aber drei Schelme in dem Dorfe und die hatten sich verabredet, sie wollten dem Küster das Maultier abschwatzen.

Als der brave Mann ungefähr auf halbem Weg war, da kam ihm einer der Schelme entgegen und sprach: „Ach, sieh da, unser Herr Küster! Wie geht es? Gut gekauft?" — „Wie ihr seht“, antwortete der Küster, „ich habe das Maultier gekauft." „Maultier?“, fragte der Andere, „Welches Maultier?" und dabei drehte er den Kopf rund herum und guckte nach allen Seiten hin. „Ei, das, worauf ich sitze“, sprach der Küster und der Schelm entgegnete:

„Aber, lieber Herr Küster, da seid ihr garstig damit betrogen worden, denn das ist ja ein Esel." „Ach, so geht doch mit euren Narreteien!", brummte der Küster verdrießlich und ritt weiter bis zu einem Kreuzwege, da kam ihm der Zweite von den Schelmen entgegen und grüßte ihn und fragte, was er gekauft habe? — „Nichts anderes, als das Maultier hier“, antwortete der Küster und der Andere riss die Augen sperrweit auf und rief: „Welches Maultier denn? Das ist ein Esel, Herr Küster, und ihr seid damit angeführt." „Ach, was Esel! Ihr seid selbst ein Esel!“, brummte der Küster wieder und ritt seines Weges weiter. Einige hundert Schritte vom Dorfe kam ihm der Dritte von den Schelmen entgegen und rief schon von fern: „Ach Herr Küster, was habt ihr da für einen schönen Esel gekauft!" — „Ihr kennt keinen Esel“, sprach der Küster mürrisch, „sonst würdet ihr wohl sehen, dass dies ein Maultier ist." — „Schämt euch doch, Herr Küster“, erwiderte der Schelm, „ein Maultier ist doch wohl ganz anders gestaltet." Darüber wurde der Küster böse und erzürnte am Ende dergestalt, dass er schrie: „Und wenn es denn ein Esel ist, dann nehmt ihn in Gottes Namen und macht damit, was ihr wollt." Mit den Worten sprang er von dem Maultier und lief nach Hause, wo er die ganze Geschichte dem Nachbarn erzählte. Der Nachbar war aber klüger als er und sah den Schelmenstreich alsbald ein und sprach: „Mein lieber Herr Küster und Freund, die Gauldiebe haben euch zum Narren gehalten“, — „Ei, mögen sie's“, rief der Küster, „ich will sie schon wieder zum Narren halten."

Am andern Morgen ging der Küster ganz früh aus dem Dorf und erhandelte sich im nächsten Orte zwei Geißen, die waren beide weiß und glichen sich auf ein Haar. Den folgenden Markttag zog er wieder nach der Stadt und nahm eine Geiß mit sich; die andere ließ er zu Hause, wo sie im Garten lustige Sprünglein machte; ehe er aber vom Hause fort ging, trug er der Haushälterin noch auf, ein recht gutes Abendessen zu bereiten und nichts dabei zu sparen. Auf dem Markt traf er die drei Schelme bald und sie machten sich an ihn heran und sprachen: „Gott, Herr Küster, was habt ihr da für eine schöne Geiß!" „Ja“, sprach der Küster, „und wenn ihr erst die Tugenden kennt, die das Tier hat, da würdet ihr Augen machen!" — Die Schelme wurden neugierig und fragten, was das denn für Tugenden wären, doch der Küster gab keine Antwort, sondern ging in einen Laden und kaufte dort ein paar gerupfte Tauben und ein Hühnchen, und in einem anderen Laden einen schönen dicken Aal und an einem dritten Laden eine kostbare Apfeltorte. Das alles packte er zusammen, legte es der Geiß auf den Rücken und sprach: „Nun höre, Geißlein, und verstehe mich recht; gehe nach Hause, aber halte dich nicht auf unterwegs, hörst du, und bestelle zu Hause, dass man uns dein Bündel für den Abend zurecht mache; ich brächte noch drei Freunde mit; hast du verstanden?"

Da stieß die Geiß zufällig mit dem Kopfe nach vorn, wie die Tiere zu tun pflegen, und lief weg, als der Küster ihr kaum den Strick vom Halse gebunden hatte. Die drei Schelme sahen sich aber erstaunt an und meinten, der Küster wäre nicht recht bei Sinnen. Der sprach aber zu ihnen: „Ich hoffe, meine lieben Freunde, dass ihr diesen Abend bei mir esst; ich kann zwar nichts andres auftischen, als gute Bürgerkost; aber es ist doch gut gemeint." Darüber waren die Schelme zufrieden und gingen am Abend mit dem Küster nach Hause; da sahen sie die zweite Geiß im Garten laufen und meinten, es wäre dieselbe, welche mit dem Küster auf dem Markte gewesen war. Als sie nun aber auch das Abendessen für sie alle bereitet fanden und Tauben und ein Hühnchen und Torte aufgetischt bekamen, da hatten sie keinen Zweifel mehr an den wunderbaren Eigenschaften der Geiß und fragten den Küster, ob ihm das Tier feil wäre (ob er es verkaufen würde), denn sie hätten dasselbe gar zu gern gehabt. „Ja“, sprach der Küster und schüttelte den Kopf; „sie ist mir wohl feil, aber ihr gebt mir doch nicht, was ich fordere, und außerdem habe ich sie schon halb einem guten Freund zugesagt." Da wurden die Schelme noch begieriger nach der Geiß und riefen alle drei zugleich: „Fordert nur, Herr Küster, fordert nur, wir geben euch, was auch jeder andere euch gibt."

— „Nun, wenn ihr darauf besteht, dann gebe ich euch als guten Freunden den Vorzug“, entgegnete der Küster, „aber unter fünfzig Goldgulden kann ich sie nicht lassen." „Nun, die wollen wir euch geben“, sprachen die Schelme und zahlten ihm das Geld aus und nahmen die Geiß mit sich. Am nächsten Markttage sagten sie zu ihren Frauen, es wäre nicht nötig, eher zu kochen, bis die Geiß wiederkäme; die würde schon alles bringen, was zu einem guten Abendessen nötig wäre. Dann gingen sie alle drei zu Markte und kauften ein, was sie nur Leckeres fanden und das luden sie alles der Geiß auf und sprachen zu ihr: „Nun höre, Geißlein, und verstehe uns recht; gehe nach Hause und bestelle dort, dass dies alles für den Abend zubereitet werden soll." Die Geiß stieß mit dem Kopfe nach vorne und sprang weg und Gott weiß, wem sie in die Hände fiel; darum fanden die Schelme auch natürlicherweise zu Hause kein Abendessen und sie mussten sich mit einem Butterbrot und einem Glas Bier zu Bett legen. Am andern Morgen packten sie aber jeder einen tüchtigen Knüppel und liefen zu des Küsters Hause, um den recht tüchtig durchzuprügeln; doch der Küster war klüger als sie alle drei. Als sie nämlich in sein Haus kamen, da lief er ihnen schon die Treppe hinunter entgegen und sprach: „Ach, die lieben Freunde, nicht wahr? Die Geiß hat einen dummen Streich gemacht, aber daran ist hier mein Nachbar allein schuld, der hat ihr gestern Abend noch Branntwein zu saufen gegeben und davon ist das Tier noch ganz toll; es wird aber wiederkommen, wenn's nur erst wieder nüchtern ist, darüber seid zufrieden. Aber er soll mir's büßen, der Gauldieb!" und mit den Worten stieß er dem Nachbarn ein Messer in den Bauch, dass all seine Kleider blutrot sich färbten und der Mann, wie tot zu Boden fiel. Das war aber wieder nur ein Schelmstreich von dem Küster, denn er hatte dem Nachbar eine Blase voll roten Wassers auf den Bauch gebunden und ihm eingeschärft, dass er sich tot stellen sollte, nachdem er den Stich empfangen hätte. Die drei Schelme meinten, der Mann wäre tot und wollten den Küster packen und zum Richter führen, doch da lachte der Küster laut und sprach: „Ah, ihr wollt mich verraten? Dann ist’s doch besser, ich wecke meinen Nachbar wieder auf“; und er zog ein kleines Flötchen aus der Tasche und blies damit dem Toten dreimal in die Ohren, dass es gellte. Da erhob sich der Mann, als wäre er aus einem schweren Traume aufgewacht und sprang auf und lief fort, während die drei Schelme mit offnen Mäulern gafften und auch einigermaßen in Angst vor dem Küster im ersten Augenblicke noch nicht wussten, was sie machen sollten; denn sie glaubten, der Küster wäre ein Hexenmeister. Endlich sprach der Eine: „Das ist ja ein wunderbares Pfeifchen, Herr Küster; wie viel wollt ihr denn dafür haben?" „Nur fünfzig Goldgulden“, antwortete der Küster, und die Schelme bezahlten ihn und gingen weg mit ihrem Pfeifchen. Ein paar Tage nachher hatte der Jüngste von den Schelmen Streit mit seiner Frau und griff nach einem Messer und stach sie tot. Kaum war das aber geschehen, als er schon Angst kriegte vor dem Gericht; er lief darum schnell an den Schrank und holte das Flötchen und pfiff und pfiff, so gut er konnte; aber die Frau war und blieb tot. Als er noch am Pfeifen war, kamen die zwei andern nach Hause und der Älteste sprach, als er hörte, wie das zugegangen: „Ach, du verstehst das Pfeifen nicht; du musst grade so laut pfeifen wie der Küster“, und er fasste ein Messer und stach den Jüngsten auch tot und sprach: „Nun will ich es einmal probieren und zwei zugleich aufwecken; das Dummohr kannte die Sache nicht“, und damit nahm er das Flötchen und pfiff und pfiff, aber er hatte gut Pfeifen, das Licht war aus. Was das für einen Schrecken gab und wie wütend die noch übrigen beiden Schelme über den Küster waren, das kann man sich leicht denken; sie beschlossen kurz und gut, ihn in einen Sack zu stecken und so in das Wasser zu werfen. Somit passten sie auf ihn auf und als der gute Küster, nichts Schlimmes ahnend, des Wegs kam, fassten sie ihn beim Kopfe und steckten ihn in einen großen Sack von recht dickem starken Tuche. Das war nun gut, aber wie sie den Sack ins Wasser tragen wollten, da kam der König auf derselben Straße entlang; sie verbargen den Sack also in einem Kornfeld und da sie beide alte Soldaten waren, folgten sie dem König nach Sitte und Gebrauch bis zur Stadt. Inzwischen kam ein Hirte mit einer Herde Schafe des Weges; als der Küster hörte, dass jemand in der Nahe wäre, da rief er aus dem Sacke: „Ich will sie nicht! Ich mag sie nicht! Sie hinkt ja, gebt sie doch einem andern!" Als der Hirte die Stimme hörte, kam er näher und fragte den Küster, was er denn nicht wolle und wer die Hinkende sei? — „Oh“, sprach der Küster, „es ist abscheulich, da wollen sie, ich solle des Königs Tochter heiraten, aber ich will sie nun einmal nicht; ich mag keine Frau, die hinkt." — „Des Königs Tochter?“, fragte der Hirt erstaunt, „ei, die nähme ich noch wohl, wenn man mir sie gäbe; glaubt ihr wohl, dass ich sie bekäme?" — „Oh, mit Vergnügen“, rief der Küster, „du brauchst dich nur in den Sack zu setzen; aber du darfst kein Wort sprechen, bis man den Sack aufmacht." Darüber war der Hirt zufrieden und der Küster kam heraus und band ihn hinein und trieb mit seiner Herde weiter. Eine halbe Stunde nachher kamen die Schelme und nahmen den Sack und warfen ihn ins Wasser, worauf sie mit vergnügten Gesichtern nach der Schenke gingen. Vor der Schenke, noch auf der Straße, kam ihnen der Küster mit der Herde entgegen; sie rieben sich die Augen und starrten ihn an und nachdem sie endlich ganz sicher erkannt hatten, dass er wirklich der Küster war, fragten sie ihn, wie er denn aus dem Wasser gekommen sei? — „Ach, lasst mich in Ruhe“, rief der Küster unwillig aus, „ihr seid alle beide Esel und nichts weiter; hättet ihr mich zehn Schritt weiter hineingeworfen, ich hätte noch zwanzigmal so viel Schafe mit mir aus dem Wasser gebracht, denn es wimmelt da drunten von den Tieren." Da baten die beiden Schelme: „Ach, goldener Herr Küster, vergesset doch, was wir euch zu Leide getan und stecket uns in zwei Säcke und werft uns da ins Wasser, wo es so voll von Schafen ist“, — Das wollte der Küster anfangs nicht, als sie ihn aber so recht flehentlich darum baten, da tat er es und schmiss sie alle beide ins Wasser und da hatte er Ruhe vor ihnen und eine schöne Herde Schafe dazu und wäre er nicht gestorben, dann lebte er noch.

Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, 1845, mit angepasster Schreibweise.

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