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Das goldene Schloss - Ein Märchen erzählt von Johannes Wilhelm Wolf

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  Das goldene Schloss

Es war einmal ein König und eine Königin, die wohnten in einem Schlosse von purem Gold. Die Königin war eine Zauberin; sie hatte unter viel anderen Sachen auch ein Spiegelchen; wenn der König herausging, dann schaute sie dahinein und dann konnte sie alles sehen, wohin er ging, was er tat, gerade als hätte er vor ihr gestanden; zugleich hatte sie alsdann die Macht, ihn überall hingehen zu lassen, wohin sie wollte. Es geschah nun einmal, dass sie den König auf die Art hin und wieder spazieren gehen ließ, bis er endlich an das Gestade der See kam. Das Erste was er da fand, war ein toter Körper, den die Wellen ans Land geworfen hatten. Als er denselben näher besah, erkannte er, dass es ein ertrunkener Matrose war. Die Kleider desselben schienen ihm so seltsam, dass er sie für sein Leben gern mitgenommen hätte; er zog sie denn auch dem Matrosen aus und sich an und ging also seines Weges weiter.

 

Während er dies getan hatte, war die Königin in einem andern Zimmer gewesen; als sie nun zurückkam und in ihr Spiegelchen schaute, sah sie statt ihres Mannes einen Matrosen am Gestade; man kann sich leicht denken, wie sehr sie darüber erschrocken sein muss. Der König inzwischen war nicht minder in Unruhe, denn er fürchtete, es möchte einer von den Gesellen des Matrosen kommen und ihn als einen Mörder und Dieb ergreifen.

 

Bekümmert und ängstlich ging er hierhin und dorthin und wusste nicht, was er machen sollte. Endlich kam ihm eine alte Frau entgegen und er fragte diese recht freundlich: „Sagt einmal, Frauchen, wo ist eigentlich der Weg nach dem goldenen Schloss?" — „Nach dem goldenen Schloss?“, fragte die Frau. „Davon habe ich noch nie gehört und es kann unmöglich hier in der Gegend liegen. Man sieht's auch wohl an euren Kleidern, dass ihr hier nicht zu Hause seid. Kommt aber mit mir zur Königin der kriechenden Tiere, die kann euch vielleicht Bescheid darum geben."

 

Da ging der König mit der Frau und sie kamen an das Schloss der Königin der kriechenden Tiere. Sie klopften an und ein Krötchen kam und machte die Tür auf und als der König ihr sein Verlangen zu erkennen gegeben hatte, führte es ihn vor die Königin. Diese saß auf einem prächtigen Thron und war umringt von kriechenden Tieren aller Art, als Schnecken, Schlangen, Fröschen, Eidechsen und wo weiter. Nachdem der König sie freundlich gegrüßt hatte, bat er sie, ihm zu sagen, ob sie nicht wisse, wo das goldene Schloss gelegen sei? „Das goldene Schloss?“, fragte die Königin verwundert; „das ist mir ganz und gar unbekannt und es muss weit von hier liegen. Vielleicht weiß es einer meiner Untertanen." Nun pfiff sie dreimal und eine zahllose Menge von Schlangen, Schnecken und anderem Gewürm kroch von allen Seiten herzu, aber keines von all den Tieren kannte das goldene Schloss. „Es tut mir sehr leid“, sprach die Königin, „dass ich euch nicht bessern Bescheid geben kann, das macht aber nichts; ich werde euch eine Führerin geben, welche euch zu der Königin der laufenden Tiere bringen soll. Die steht einen Grad höher als ich und kann es euch eher sagen, wo das goldene Schloss liegt." Mit den Worten winkte sie einem Schlänglein und das war des Königs Geleiterin. Er bedankte sich herzlich bei der Königin und folgte dem Schlänglein.

 

Nachdem sie schon sehr, sehr weit gegangen waren, hielt das Schlänglein an einem Schlosse still und der König klopfte. Ein Hund machte die Tür auf, der König dankte dem Schlänglein, und wurde in das Schloss geführt und vor einen kostbaren Thron, der mit den schönsten Pelzen bekleidet war. Darauf saß die Königin der laufenden Tiere und rings um sie herum stand ihr Hof, Löwen, Baren, Tiger, Wölfe, Hirsche und allerhand anderes vierfüßig Getier. Er grüßte sie höflich und fragte sie, ob sie ihm nicht zu sagen wisse, wo das goldene Schloss gelegen sei? — „Davon habe ich nie sprechen hören“, antwortete die Königin, „vielleicht kennt es einer meiner Untertanen." Darauf pfiff sie dreimal und da kamen Hunde, Katzen, Hasen, Füchse, Ratten und Mäuslein und Gott weiß was all für Getier gelaufen, auch Bären, Löwen, Kamele u. a., und die Königin fragte sie, ob sie nicht wüssten, wo das goldene Schloss liege? Alle besannen sich lange, aber sie erklärten endlich doch, sie wüssten es nicht. Darob war der König sehr betrübt, aber die Königin tröstete ihn und sagte: „Alle Hoffnung ist noch nicht verloren; ich will euch eine Geleitsfrau geben, die führt euch zur Königin der fliegenden Tiere, welche einen Grad höher steht, als ich. Wenn die es auch nicht weiß, dann kann euch niemand auf der ganzen Welt helfen." Damit winkte sie einem Kätzlein und gab dies dem König mit als Geleitfrau. Er bedankte sich herzlich bei der Königin und folgte dem Kätzlein.

 

Nachdem sie schon manchen Schritt und Tritt getan hatten, kamen sie endlich zum Schloss der Königin der fliegenden Tiere. Das Kätzlein miaute und ein schöner weißer Schwan kam, öffnete das Tor und führte den König in das Schloss und vor die Königin. Diese saß auf einem prächtigen Thron, der mit schönen Federn von allen Farben verziert war, und eine Krone von noch schöneren Federn prunkte auf ihrem Haupte. Rund um den Thron herum stand ihr Hof, den Vögel aus allen Gegenden der Welt bildeten: Adler, Pfauen, Paradiesvögel, Schwäne, Tauben und Nachtigallen, welche liebliche Weisen sangen. Der König neigte sich höflich vor ihr und sprach: „Ach, Königin, ich habe mich verirrt und weiß nicht mehr, wie ich zu dem goldenen Schloss kommen soll." — „Das goldene Schloss?“, fragte sie verwundert, „davon haben meine Tiere mir nie gesprochen und die fliegen doch durch die ganze Welt. Aber wartet, ich will sie noch einmal fragen." Mit den Worten pfiff sie und eine Menge Vögel aller Art erfüllte den Saal. Dann fragte die Königin: „Wer von euch kennet das goldene Schloss?" Aber keiner von all den Vögeln antwortete. Nun pfiff sie zum zweiten Male und eine noch viel größere Zahl von Vögeln kam herbeigeflogen, aber auch von diesen kannte keiner das Schloss. Da pfiff sie zum dritten Male und die fremdartigsten Vögel der Welt versammelten sich um sie. Dreimal fragte sie dieselben: „Wer von euch kennet das goldene Schloss?“, aber alle schwiegen still und sahen einander verwundert an, denn davon hatten sie nie etwas gehört. Der arme König meinte zu verzweifeln. Da sah einer von den Vögeln ganz, ganz weit in der Luft ein Pünktchen, welches immer näher kam und immer größer wurde und als es endlich ganz nahe war, sah man, dass es ein Storch war. Die Königin wurde böse, dass er nicht gleich auf ihren Ruf gekommen war, und fragte ihn: „Wo bist du denn so lange geblieben?" Der Storch antwortete: „Das müsset ihr mir nicht übel nehmen, ich komme von so ferne. Ich saß auf dem goldenen Schloss, als ihr das erste Mal pfiffet." Da hüpfte dem Könige das Herz im Leibe vor lauter Freuden und er bedankte sich mit viel schönen Worten bei der Königin. Diese gab ihm den Storch als Geleitmann mit, er setzte sich rittlings auf ihn und flog also durch die Luft dahin, so hoch, dass ihm die allergrößten Städte der Welt nur wie Ameisennester erschienen. Nicht weit vom goldenen Schlosse endlich senkte der Storch sich immer mehr und mehr und ließ sich endlich an demselben nieder.

Man kann sich leicht denken, was die Königin für Freude hatte, als sie den König wieder sah, nachdem sie ihn seit so langer Zeit für tot gehalten hatte, und der König war nicht weniger froh, endlich wieder zu Hause und bei seiner lieben Frau zu sein. Nachdem sie sich nun recht satt geküsst und geweint hatten, sprach der König zu dem Storche: „Wir danken dir hunderttausendmal, liebster Storch, dass du mich hierhin gebracht hast. Sage uns nun, wie wir dir das vergelten können. Alles, was du verlangst, will ich dir geben." Der Storch antwortete: „Ich verlange nichts anderes, als deinen erstgeborenen Sohn; den hole ich mir nach Verlauf von sieben Jahren“; und als er das gesagt hatte, verschwand er. Da stand nun der König und sah die Königin stumm und steif an; denn obgleich sie noch kein Kind hatten, konnten sie doch binnen sieben Jahren noch eins kriegen.

Und also geschah es auch; es war noch kein Jahr verlaufen, als die Königin schon einen Sohn gebar, ein über die Maßen schönes Kind. Je älter es wurde, um so mehr nahm es an Schönheit und an Klugheit zu, doch hatte der König und die Königin wenig Freude darob, denn sie dachten immer nur an das siebente Jahr und an den Storch.

Endlich kam das siebente Jahr und im ganzen Schloss war Trauer; doch ließ der König alles wohl und schön zurichten, um den Storch auf eine geziemende Weise zu empfangen. Kaum hatten sie alles bereit, als der Storch angeflogen kam. Mit Tränen in den Augen führten der König und die Königin ihr Söhnlein zu ihm und baten ihn nur, dass er es doch nicht tot machen möchte. Als der Storch das sah, schlug er freudig mit den Flügeln und klapperte ihnen zu: „Behaltet euer Söhnlein nur, die Königin der fliegenden Tiere ist dadurch zufrieden gestellt, dass ihr euer Wort so treu habt halten wollen." Was da für ein Gejubel in dem Schlosse war, das kann man mit keiner Feder beschreiben. Der König ließ ein großes Gastmahl anrichten, wo der Storch mit am Tische saß und vor sich eine große Schüssel mit den schönsten und fettesten Fröschen stehen hatte, die man nur finden konnte. Nach dem Gastmahl tanzte man und der Storch tanzte zuerst mit der Königin, blieb auch noch verschiedene Tage in dem Schlosse; dann aber nahm er eines Morgens vom Könige Abschied und flog weg.

Der König und die Königin und ihr Söhnlein aber lebten von da ab in Glück und Freude und wenn das goldene Schloss nicht zusammengefallen ist, dann steht es noch. — Wo denn? —Das musst du den Storch fragen.

 

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Johann Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, 1845, mit angepasster Schreibweise.

Quelle: books.google.de

 

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