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Erlenhügel - Märchen von Andersen

Erlenhügel

Einige große Eidechsen liefen schnellfüßig in den Spalten eines alten Baumes umher; sie konnten einander gut verstehen, denn sie sprachen die Eidechsen-Sprache.
„Wie das in dem alten Erlenhügel poltert und brummt!", sagte die eine Eidechse; „ich habe vor dem Lärm schon zwei Nächte kein Auge zutun können, ich könnte ebenso gut liegen und Zahnweh haben, denn da schlafe ich auch nicht!"
„Da ist etwas los drinnen!", sagte die andere Eidechse, „sie lassen den Hügel, bis Morgens der Hahn kräht, auf vier roten Pfählen stehen, er wird ordentlich ausgelüftet und die Erlenmädchen haben neue Tänze gelernt. Da ist etwas los!"

„Ja, ich habe mit einem Regenwurm meiner Bekanntschaft gesprochen", sagte die dritte Eidechse; „der Regenwurm kam gerade aus dem Hügel, wo er Tag und Nacht in der Erde gewühlt hatte; der hatte vieles gehört, sehen kann er ja nicht, das elende Tier, aber hereinzutappen und zu lauschen, das versteht er. Sie erwarten Fremde im Erlenhügel, vornehme Fremde, aber wen, das wollte der Regenwurm nicht sagen, oder er wusste es auch nicht. Alle Irrlichter sind bestellt, um einen Fackelzug zu halten, wie man das nennt, und Silber und Gold, wovon genug im Hügel ist, wird poliert und im Mondschein ausgestellt!"

„Wer mögen wohl die Fremden sein?", fragten alle Eidechsen. „Was mag da wohl los sein? Höre, wie es summt! höre, wie es brummt!"
Zur selben Zeit teilte sich der Erlenhügel und ein altes Erlenmädchen, sie hatte keinen Rücken, kam heraus getrippelt; es war des alten Erlkönigs Haushälterin, sie war mit der Familie weitläufig verwandt und trug ein Bernsteinherz vor der Stirn. Ihre Beine bewegten sich so hurtig: triv, trip! Potz tausend, wie konnte sie trippeln und das gerade hinunter in das Meer zum Nacht-Raben.*

„Sie werden zum Erlenhügel eingeladen, und zwar diese Nacht!" sagte sie, „aber wollen Sie uns nicht einen großen Dienst erweisen und die Einladungen übernehmen? Sie müssen auch etwas tun, da Sie selbst kein Haus machen. Wir bekommen einige hochvornehme Fremde, Zauberer, die etwas zu sagen haben, und deshalb will der alte Erlkönig sich zeigen!"
„Wer soll eingeladen werden?", fragte der Nachtrabe.
„Zu dem großen Ball kann alle Welt kommen, selbst Menschen, wenn sie nur im Schlaf sprechen oder etwas dergleichen tun können, was in unsere Art fällt. Aber bei dem ersten Feste soll strenge Auswahl herrschen, wir wollen nur die Allervornehmsten haben. Ich habe mich mit dem Erlkönig gestritten, denn ich meinte, wir könnten nicht einmal Gespenster zulassen. Der Meermann und seine Töchter müssen zuerst eingeladen werden, es mag ihnen wohl nicht lieb sein, aufs Trockene zu kommen, aber sie sollen schon einen nassen Stein zum Sitzen oder noch etwas Besseres haben, und dann denke ich, werden sie es für dieses Mal wohl nicht abschlagen. Alle alten Dämonen erster Klasse mit Schweifen, den Alraun und die Kobolde müssen wir haben, und dann denke ich, können wir das Grabschwein, das Totenpferd ** und den Kirchenzwerg nicht weglassen; sie gehören freilich mit zur Geistlichkeit, die nicht zu unfern Leuten gezählt wird, aber das ist nur ihr Amt, sie sind mit uns doch nahe verwandt und machen uns fleißig Besuche."
„Krah!", sagte der Nachtrabe und floh davon um einzuladen.

Die Erlenmädchen tanzten schon auf dem Erlenhügel, und sie tanzten mit Schals, die aus Nebel und Mondschein gewebt waren, und das sieht recht niedlich für die aus, die dergleichen lieben. Mitten in dem Erlenhügel war der große Saal herrlich aufgeputzt, der Fußboden war mit Mondschein gewaschen und die Wände mit Hexenfett abgerieben, so dass sie gleich Tulpenblättern vor dem Lichte glänzten. In der Küche waren vollauf Frösche am Spieße, Schneckenhäute mit Kinderfingern darin und Salate von Pilzsamen, feuchten Mäuseschnauzen und Schierling, Bier von der Sumpffrau Gebräu, glänzender Salpeterwein aus Grabkellern, alles höchst solid; verrostete Nägel und Kirchenfensterglas gehörte zum Naschwerk.
Der alte Erlkönig ließ seine Goldkrone mit gestoßenem Griffel polieren, das war Bankerster-Griffel und es ist für den Erlkönig sehr schwer, Bankerster-Griffel zu erhalten! Im Schlafgemach wurden Gardinen aufgehängt und mit Schneckenspeichel befestigt. Ja, das war ein rechtes Summen und Brummen!
„Nun muss hier mit Rosshaaren und Schweinebürsten geräuchert werden, dann glaube ich das Meinige getan zu haben?", sagte das alte Erlenmädchen.
„Väterchen!", sagte die kleinste der Töchter; „werde ich nun erfahren, wer die vornehmen Fremden sind?"

„Nun denn", sagte er, „dann muss ich es wohl sagen? Zwei meiner Töchter müssen sich zum Verheiraten bereit halten; zwei werden sicher verheiratet. Der alte Kobold oben von Norwegen, er, der im alten Dovre-Gebirge wohnt und viele Klippen-Schlösser von Feldsteinen und ein Goldwerk, welches besser ist als man glaubt, besitzt, kömmt mit seinen beiden Söhnen herunter, die sich eine Frau aussuchen sollen. Der alte Kobold ist ein echter, alter, ehrlicher norwegischer Greis, lustig und schlicht, ich kenne ihn aus alten Tagen, als wir Brüderschaft mit einander tranken; er war hier unten, seine Frau zu holen, nun ist sie tot, sie war eine Tochter des Königs der Kreidefelsen von Mön. Er nahm seine Frau aus der Kreide, wie man zu sagen pflegt. Oh, wie ich mich nach dem norwegischen alten Kobold sehne! Die Knaben, sagte er, sollen etwas unartige, naseweise Jungen sein, aber man kann ihnen ja wohl auch Unrecht tun, und sie werden wohl gut, wenn sie älter werden. Lasst mich nun sehen, dass man ihnen Manieren beibringt!"
„Und wann kommen sie?", fragte die eine Tochter.
,Das kommt auf Wind und Wetter an!", sagte der Erlkönig. „Sie reisen ökonomisch! Sie kommen mit Schiffsgelegenheit herunter. Ich wollte, sie sollten über Schweden gehen, aber der Alte neigt sich noch nicht nach jener Seite! Er schreitet nicht mit der Zeit fort, und das kann ich nicht leiden!"
Da kamen zwei Irrlichter angehüpft, das eine schneller als das andere, und deshalb kam das eine zuerst. ,
„Sie kommen! sie kommen!", riefen sie.
„Gebt mir meine Krone und Lasst mich im Mondscheine stehen!", sagte der Erlkönig.

Die Töchter hoben die Schals auf und verneigten sich bis zur Erde.
Da stand der Kobold-Greis von Dovre, mit der Krone von gehärteten Eis - und polierten Tannenzapfen, übrigens hatte er einen Bärenpelz und große warme Stiefeln an; die Söhne hingegen gingen in bloßem Halse und ohne Tragbänder, denn es waren Kraftmänner.
„Ist das eine Anhöhe?", fragte der kleinste der Knaben und zeigte auf den Erlenhügel. „Das nennen wir oben in Norwegen ein Loch."
„Jungen!", sagte der Alte. „Loch geht hinein, Höhe geht hinauf. Habt ihr keine Augen im Kopfe?"
Das Einzige, was sie hier unten Wunder nahm, sagten sie, wäre, dass sie so ohne Weiteres die Sprache verstehen könnten.
„Habt euch nur nicht!", sagte der Alte, „man möchte glauben, ihr wäret nicht recht ausgebacken."
Und dann gingen sie in den Erlenhügel hinein, wo die wahrhaft feine Gesellschaft versammelt war, und das in einer Hast, man sollte glauben, sie seien zusammengeweht, und für jeden war es niedlich und nett eingerichtet. Die Meerleute saßen in großen Wasserkusen zu Tische, sie sagten, es sei gerade, als ob sie zu Hause wären. Alle beobachteten die Tischsitte, außer den beiden kleinen nordischen Kobolden, die legten die Beine auf den Tisch, aber sie glaubten, dass ihnen alles gut stehe.
„Die Füße vom Napfe!", sagte der alte Kobold, und da gehorchten sie zwar, aber doch nicht sogleich. Ihre Tischdame kitzelten sie mit Tannenzapfen, die sie in der Tasche mit sich führten, und dann zogen sie ihre Stiefeln aus, um bequem zu sitzen, und gaben ihr die Stiefeln zu halten. Aber der Vater, der alte Dovre-Kobold, der war freilich ganz anders; er erzählte so schön von den stolzen nordischen Elfen, und von Wasserfällen, die weißschäumend mit einem Gepolter wie Donnerschlag und Orgelklang niederstürzten; er erzählte vom Lachse, der gegen die stürzenden Wasser emporspringt, wenn der Neck auf der Goldharfe spielt. Er erzählte von den glänzenden Winternächten, wenn die Schlittenschellen tönen und die Burschen mit brennenden Fackeln über das blanke Eis hinlaufen, welches so durchsichtig ist, dass sie die Fische unter ihren Füßen bange werden sehen. Ja, er konnte erzählen, so dass man sah und hörte, was er beschrieb, es war gerade, als wenn Sägemühlen gingen, als wenn Knechte und Mägde Lieder sängen und den Hallingetanz tanzten; heißa, mit einem Mal gab der alte Kobold dem alten Erlenmädchen einen Gevatter-Schmatz, das war ein ordentlicher Kuss, und doch gingen sie einander nichts an.
Nun mussten die Erlenmädchen tanzen, und zwar sowohl einfach wie auch mit Stampfen, und das stand ihnen gut; dann kam der Kunst - und Solotanz. Der Taufend! Wie sie das Bein ausstrecken konnten, man wusste nicht, was Ende und was Anfang, wusste nicht, was Arme und was Beine waren, das ging. Alles unter einander wie Sägespäne, und dann schnurrten sie herum, dass dem Totenpferd und dem Grabschweine unwohl wurde und sie vom Tisch gehen mussten.
„Brrrrr!", sagte der alte Kobold, „ist das ein Wirthschaffen mit den Beinen! Aber was können sie mehr als tanzen, die Beine ausstrecken und Wirbelwind machen?"
„Das sollst du bald erfahren", sagte der Erlkönig, und dann rief er die jüngste von seinen Töchtern vor; sie war so behände und klar, wie Mondschein, sie war die feinste von allen Schwestern; sie nahm einen weißen Span in den Mund, und dann war sie ganz fort, das war ihre Kunst.
Aber der alte Kobold sagte, diese Kunst möchte er bei seiner Frau nicht leiden und er glaubte auch nicht, dass seine Knaben etwas davon hielten.
Die andere konnte sich selbst zur Seite gehen, gerade, als ob sie einen Schatten hätte, und den hat das Koboldvolk nicht.
Die Dritte war ganz anderer Art, sie hatte in der Sumpffrau Brauhaus gelernt und sie war es, die verstand, Erlenknorren mit Johannis-Würmern zu spicken.
„Sie wird eine gute Hausfrau abgeben", sagte der alte Kobold, und dann stieß er mit den Augen an, denn er wollte nicht so viel trinken.
Nun kam die Vierte, sie hatte eine große Harfe zum Spielen, und als sie auf die erste Saite schlug, erhoben alle das linke Bein, denn die Kobolde sind linksbeinig, und als sie die andere Saite anschlug, mussten alle tun, was sie wollte.

„Das ist ein gefährliches Frauenzimmer!", sagte der alte Kobold, aber beide Söhne gingen zum Hügel hinaus, denn nun hatten sie es satt.

„Und was kann die nächste Tochter?", fragte der Kobold-Greis.

„Ich habe gelernt, das Norwegische zu lieben", sagte sie, „und nie werde ich mich verheiraten, wenn ich nicht nach Norwegen kommen kann."

Aber die Kleinste der Schwestern flüsterte dem Alten zu: „das ist nur, weil sie aus einem norwegischen Liede gehört hat, dass, wenn die Welt vergeht, doch die nordischen Klippen gleich Denksteinen stehen werden, und deshalb will sie da hinauf, denn sie fürchtet das Untergehen so sehr."

„Ho, ho!", sagte der alte Kobold, „war es so gemeint? Aber was kann die Siebente und letzte? " ,

„Die Sechste kömmt vor der Siebenten", sagte der Erlkönig, denn er konnte rechnen, aber die Sechste wollte nicht recht hervor kommen.

„Ich kann nur den Leuten die Wahrheit sagen",.sagte sie, „ um mich kümmert sich Niemand, und ich habe genug damit zu tun, mein Sterbezeug zu nähen."

Nun kam die Siebente und letzte, und was konnte sie? Ja, sie konnte Märchen erzählen, und das so viele sie wollte.

.Hier sind alle meine fünf Finger", sagte der alte Kobold, „erzähle mir eins von jedem!"

Und sie fasste ihn um das Handgelenk, und er lachte, dass es in ihm kluckte, und als sie zum Goldfinger kam, der einen Goldring um den Leib hatte, gerade als ob er wisse, dass Verlobung sein sollte, sagte der alte Kobold: „Halte fest, was du hast, die Hand ist dein! Dich will ich selbst zur Frau haben."

Und das Erlenmädchen sagte, dass das Märchen vom Goldfinger und vom kleinen Peter Spielmann noch fehlten.

„Die wollen wir im Winter hören", sagte der Kobold, „und von der Tanne wollen wir hören und von der Birke und von den Geistergeschenken und von dem klingenden Frost! Du sollst schon erzählen, denn das versteht noch keiner so recht dort oben! — Und dann wollen wir in der Steinstube, wo der Kienspan brennt, sitzen, und Met aus den goldenen Hörnern der alten norwegischen Könige trinken, der Neck hat mir ein Paar geschenkt, und wenn wir dasitzen, kommt die Nixe zum Besuch, sie singt dir alle Lieder der Hirtenmädchen im Gebirge. Das wird lustig werden. Der Lachs wird im Wassersturz springen und gegen die Steinwände schlagen, aber er kommt doch nicht herein. — Ja, es ist gut sein in dem lieben alten Norwegen ! Aber wo sind die Jungen?"

Ja, wo waren die? Sie liefen auf dem Felde herum und bliesen die Irrlichter aus, die so gutmütig kamen, um dm Fackelzug zu bringen.

„Was ist das für ein Herumstreichen?", fragte der alte Kobold, „ich habe mir eine Mutter für euch genommen, nun könnt ihr eine von den Tanten nehmen."

Aber die Jungen sagten, dass sie am liebsten eine Rede halten und Brüderschaft trinken wollten, zum Verheiraten hätten sie keine Lust. — Und dann hielten sie Reden, tranken Brüderschaft und machten die Nagelprobe, um zu zeigen, dass sie ausgetrunken hatten; sie zogen dann die Röcke aus und legten sich auf den Tisch, um zu schlafen, denn sie genierten sich nicht. Aber der alte Kobold tanzte mit seiner jungen Braut in der Stube herum und wechselte Stiefeln mit ihr, denn das ist feiner, als Ringe wechseln.

„Nun kräht der Hahn!", sagte das alte Erlenmädchen, welche das Hauswesen besorgte. „Nun müssen wir die Fensterladen schließen, damit die Sonne uns nicht verbrennt!"

Und dann schloss sich der Hügel.

Aber draußen liefen die Eidechsen in dem geborstenen Baume auf und nieder und die eine sagte zur andern:

„Oh, wie mir der norwegische alte Kobold gefiel!"

„Mir gefallen die Knaben besser!", sagte der Regenwurm, aber es konnte ja nicht sehen, das elende Tier.


*Wenn vor Zeiten sich ein Gespenst zeigte, bannte es der Prediger in die Erde; war dies geschehen, rammte man einen Pfahl an dieser Stelle ein. Um Mitternacht ertönte dann das Geschrei: „Lass los", der Pfahl wurde herausgenommen und der gebannte Geist floh in Gestalt eines Raben davon, mit einem Loch im linken Flügel. Dieser Gespenstervogel wurde Nachtrabe genannt.

**Es ist ein Volksaberglaube in Dänemark, dass unter jeder Kirche, die gebaut wird, ein lebendiges Pferd begraben werden muss, das Gespenst desselben, ist das Totenpferd, das jede Nacht auf drei Beinen nach dem Hause hinkt, wo jemand sterben soll. Unter einigen Kirchen wurde auch ein lebendiges Schwein begraben, das Gespenst davon hieß das Grabschwein.

Gesammelte Märchen, H. C. Andersen, 1847, mit angepasster Schreibweise.

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