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Die Schlange - ein Märchen aus Italien

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Die Schlange


Vor langen Jahren herrschte einmal in Montserrat ein reicher und mächtiger Markgraf, der hätte so gerne Kinder gehabt, aber der Himmel schien ihm diesen Wunsch versagen zu wollen. Eines Tages nun ging die Markgräfin in ihrem Garten spazieren und von Müdigkeit überwältigt, setzte sie sich an den Fuß eines Baumes nieder, um auszuruhen. Während sie so in süßem Schlummer lag, näherte sich ihr eine kleine Schlange und schlüpfte, ohne dass sie es gewahr wurde, in ihren Mund.
Nach Verlauf einiger Zeit wurde die Markgräfin zur großen Freude des ganzen Volkes Mutter und gebar ein Mädchen, um dessen Hals ein Schlänglein dreimal gewunden war. Die Wärterinnen erschraken nicht wenig darüber; aber ohne dem Kinde irgendein Leid zuzufügen, löste sich die Schlange behutsam von seinem Halse, wand sich hinunter auf den Boden, kroch an der Erde hin und verlor sich in dem Garten.
Nachdem die Kleine gebadet und in weiße Tücher gehüllt war, kam an ihrem Halse eine feine goldene Kette zum Vorschein, die wunderschön anzusehen war, denn sie leuchtete zwischen Haut und Fleisch hervor, so wie etwa ein köstlicher Edelstein durch hellen Kristall blinkt; und gerade so oft umringelte sie den Hals, als sich die Schlange um denselben gewunden hatte.
Das Mädchen, welches man seiner außerordentlichen Schönheit wegen Biancabella nannte, wuchs zu solcher Tugend und Anmut heran, dass man nicht ihres Gleichen fand. Als sie zehn Jahr alt war, trat sie eines Tages auf den Balkon des Schlosses und da sie den Garten mit all den schönen Rosen und Veilchen erblickte, so fragte sie die Amme, welcher sie zur Aufsicht übergeben war, was das dort unten sei, sie habe das früher noch nie gesehen.

 

 

„Man nennt dies einen Garten“, versetzte die Amme, „und deine Mutter geht darin oft spazieren."


„Ach“, rief das Mädchen, „so etwas Schönes hab' ich noch nie gesehen! für mein Leben gern möcht' ich auch darin spazieren gehen."


Die Amme nahm sie bei der Hand, führte sie in den Garten und nachdem sie eine Zeitlang mit ihr umhergegangen war, setzte sie sich unter eine dichtbelaubte Buche, um ein wenig zu schlummern, während sie die Kleine sich selbst überließ.

Biancabella, ganz entzückt von diesem reizenden Aufenthalt, lief bald hierhin, bald dorthin und pflückte Blumen, und als sie ein wenig müde geworden, ließ sie sich unter einem schattigen Baume nieder. Doch kaum hatte sie sich hingesetzt, so kam eine Schlange hervor und näherte sich ihr, worüber das Kind in großen Schrecken geriet und schreien wollte. Aber die Schlange sagte zu ihr: „Sei still, flieh' nicht und sei ohne Furcht vor mir, denn ich bin deine Schwester, mit dir an demselben Tage von derselben Mutter geboren, und mein Name ist Bianca. Wenn du immer das tun wirst, was ich dir heiße, so will ich dich glücklich machen; sonst aber wirst du das unglücklichste und traurigste Geschöpf von der Welt werden. Geh' jetzt und sei ohne Furcht. Morgen aber lass zwei Kessel in den Garten bringen, den einen voll reiner Milch, den andern mit feinem Rosenwasser, und dann komm zu mir, aber ganz allein, ohne irgend eine Begleitung."
Als die Schlange sich wieder entfernt hatte, stand das Mädchen auf, suchte ihre Amme, die sie noch schlafend fand, weckte sie und kehrte mit ihr nach Hause zurück, ohne ihr ein Wort von dem, was vorgefallen war, zu erzählen.
Am folgenden Tage, da Biancabella sich mit ihrer Mutter allein im Zimmer befand und ein wenig niedergeschlagen und betrübt aussah, fragte die Mutter: „Was fehlt dir, Biancabella? Was bist du so traurig? Du bist sonst immer so fröhlich und heute scheinst du so missvergnügt und betrübt?"
„Ach, liebe Mutter“, sagte das Kind, „ich möchte so gern zwei Kessel in den Garten haben, einen voll Milch und den andern voll Rosenwasser."
„Wenn es weiter nichts ist“, versetzte die Mutter, „so gräme dich nicht, mein Kind; du weißt ja doch, wie gerne wir jeden möglichen Wunsch von dir erfüllen." — Hierauf ließ sie gleich zwei prächtige Kessel in den Garten tragen, voll Milch und Rosenwasser.
Als die bestimmte Stunde gekommen war, ging Biancabella ganz allein nach dem Garten, schloss die Tür hinter sich zu und setzte sich bei den Kesseln nieder. In demselben Augenblicke erschien auch die Schlange, hieß ihr sich entkleiden und in die weiße Milch steigen, wusch sie damit von Kopf bis zu Fuß, beleckte sie mit der Zunge und glättete die Haut überall, wo ihr noch irgend ein Mangel erschien. Sodann nahm sie sie aus der Milch heraus und legte sie in das Rosenwasser, dessen angenehmer Duft sie wieder wie neu belebte, Sie kleidete sie hierauf wieder an und befahl ihr aufs Strengste, ja Niemanden etwas davon zu sagen, selbst dem Vater und der Mutter nicht, denn sie wolle, dass kein Mädchen in der ganzen Welt sich ihr an Schönheit und Anmut vergleichen könne.

 

Zuletzt begabte sie sie noch mit einer Menge trefflicher Eigenschaften und nahm von ihr Abschied.
Als Biancabella zu ihrer Mutter wieder zurückgekehrt war, fand diese sie so überaus schön und anmutig, dass sie nicht Worte fand, ihr Entzücken und ihre Verwunderung auszudrücken. Endlich fragte sie, wie sie es denn angefangen habe, zu einer so wunderbaren Schönheit zu gelangen. Biancabella versicherte jedoch, sie wisse es nicht.
Die Mutter nahm hierauf einen Kamm, um ihre goldenen Locken in Ordnung zu bringen, und wie sie sie kämmte, fielen ihr Perlen und kostbare Edelsteine aus dem Haar, und als sie ihr die Hände wusch, fielen Rosen, Veilchen und andere Blumen nieder und erfüllten die Luft mit dem süßesten Wohlgeruch.
Bei diesem überraschenden Anblick eilte sie zu ihrem Gemahl und mit mütterlicher Freude sagte sie: „Mein Herr und Gemahl, unsere Tochter ist das schönste und liebenswürdigste Mädchen, welches je geboren wurde. Denn außer ihrer wunderbaren Schönheit fallen ihr noch Perlen und kostbare Edelsteine aus den Haaren und — stellt euch vor! ihre weißen Hände streuen Rosen und Veilchen und noch viel andere Blumen aus, die einen entzückenden Wohlgeruch verbreiten. Nie hätt' ich das geglaubt, wenn meine eigenen Hände es nicht gefühlt, meine eigenen Augen es nicht gesehen hätten."
Der Markgraf, welcher von Natur ungläubig war und den Worten seiner Frau nicht so leicht traute, lachte und spottete darüber. Allein die wiederholten Beteuerungen reizten ihn doch, sich selbst zu überzeugen, was an der Sache sei. Er ließ also seine Tochter herbeirufen und fand alles noch viel wunderbarer, als es seine Frau beschrieben hatte. Darüber freute er sich so sehr und wurde so stolz darauf, dass er Niemanden auf der Welt für würdig hielt, ihr Gatte zu werden.
Als sich nun der Ruf von Biancabellas einziger und himmlischer Schönheit überall hin verbreitete, so kamen auch Könige, Prinzen, Grafen und andere hohe Herren von allen Seiten herbeigereist, um ihre Liebe zu gewinnen und sie als Gemahlin heimzuführen. Aber keiner von ihnen erschien würdig sie zu besitzen, denn an Jedem war irgend etwas Mangelhaftes oder Tadelnswertes.
Endlich langte auch Ferrandino, der König von Neapel, an, dessen Ruhm und Tugend wie die Sonne unter den kleinen Gestirnen hervorleuchtete, und hielt bei dem Markgrafen um die Hand seiner Tochter an. Dieser, welcher mit dein schönen, weit und breit geehrten, so mächtigen und reichen Könige wohl zufrieden war, willigte unbedenklich ein, ließ seine Tochter herbeiholen und ohne Zögern reichten sie sich die Hände und umarmten sich als Verlobte.

 

Das Verlöbnis war nicht sobald geschehen, als Biancabella sich des Gebots ihrer Schwester Bianca erinnerte, ihren Bräutigam verließ, indem sie Geschäfte vorschützte, nach ihrer Kammer ging, sie hinter sich verschloss und durch einen ganz geheimen Ausgang derselben in den Garten eilte, wo sie mit leiser Stimme nach ihrer Schwester Bianca rief. Allein diese erschien nicht, wie sie sonst zu tun pflegte. Ganz verwundert suchte Biancabella in jedem Winkel des Gartens nach ihr und als sie sie nirgends fand, wurde sie sehr traurig und niedergeschlagen, denn sie sah wohl, dies geschehe nur deshalb, weil sie das Gebot ihrer Schwester außer Acht gelassen habe. Hierauf begab sie sich heimlich wieder in ihre Kammer und zu ihrem Gemahl, der sie schon lange erwartet hatte.
Als die Hochzeit vorüber war, führte Ferrandino seine Gemahlin nach Neapel, wo sie mit großer Pracht und Festlichkeit von der ganzen Stadt empfangen ward. Ferrandino aber hatte eine Stiefmutter mit zwei garstigen Töchtern aus einer andern Ehe, von denen sie ihm eine gerne zur Frau gegeben hätte, und da ihr nun diese Hoffnung durch Biancabella so ganz vereitelt war, fasste sie gegen die Arme einen so wütenden Hass, dass sie sie nicht vor Augen sehen konnte: gleichwohl aber stellte sie sich, als sei sie voll Liebe zu ihr.
Es begab sich nun, dass der König von Tunis große Zurüstungen zu Wasser und zu Lande machte, um Ferrandino mit Krieg zu überziehen (ob um dieser Ehe halber oder aus sonst einem Grunde, ist ungewiss) und er war bereits bis über die Grenzen des Königreichs vorgedrungen, so dass Ferrandino genötigt war, die Waffen zu ergreifen und dem Feinde entgegen zu gehen, um sein Land zu verteidigen. Nachdem er nun hinlänglich gerüstet war, empfahl er Biancabella seiner Stiefmutter und zog mit dem Heere in den Krieg.
Kaum war er fort, so beschloss diese boshafte, nichtswürdige Stiefmutter, Biancabella umbringen zu lassen.
Sie rief zwei ihrer Diener, von deren Ergebenheit sie überzeugt war, und befahl ihnen, die Königin an einen entlegenen Ort spazieren zu führen, sie dort zu töten und ihr zur völligen Gewissheit bestimmte Zeichen ihres Todes zu bringen. Die Diener, schleuniger zum Bösen als zum Guten, taten nach dem Befehl ihrer Gebieterin, und indem sie sich stellten, als wollten sie die Königin spazieren führen, führten sie dieselbe in ein Gehölz, wo sie sich anschickten, ihr den Tod zu geben. Doch ihre große Schönheit und Anmut flößte ihnen so viel Mitleid ein, dass sie ihr wenigstens das Leben schenkten, aber sie schnitten ihr die Hände ab und rissen ihr die Augen aus, um sie dem bösen Weibe von Stiefmutter als Zeichen ihres Todes zu bringen.
Dieser Anblick stellte das ruchlose Weib ganz zufrieden, und um ihr nichtswürdiges Vorhaben gänzlich auszuführen, streute sie durch das ganze Land das Gerücht aus, ihre beiden Töchter seien gestorben, die eine an einem abzehrenden Fieber, die andere an einem Herzgeschwür. Biancabella aber sei, aus Gram über die Trennung von ihrem Gemahl, von einem toten Kinde entbunden worden und ein dreitägiges Fieber habe sie so angegriffen, dass wenig Hoffnung für ihr Leben sei. — Anstatt Biancabellas aber legte das schlechte, grausame Weib eine ihrer Töchter ins Bett und gab vor, es sei die Königin, die am Fieber krank liege.

 


Ferrandino, der inzwischen seinen Feind besiegt hatte, kehrte jetzt im Triumph nach Hause zurück, in der frohen Hoffnung, seine geliebte Biancabella gesund und freudig wieder zu finden: und nun fand er sie mager und entstellt im Bette liegen! Und da er näher trat und ihr Gesicht sah, so war er ganz erstaunt, dasselbe so abschreckend zu finden und konnte sich gar nicht vorstellen, dass dies Biancabella sei. Darauf ließ er sie kämmen, allein statt der Perlen und Edelsteine, die sonst aus ihren blonden Haaren fielen, sah man verzehrendes Ungeziefer, und statt der Rosen und lieblichen Düfte ihrer Hände kam so viel Schmutz und Gestank, dass alle ein Ekel überfiel. Die nichtswürdige Stiefmutter aber beredete den König, dies käme alles von der langen Krankheit, die dergleichen Wirkungen hervorzubringen pflege.
Unterdes befand sich die arme Biancabella, mit verstümmelten Armen, der Augen beraubt, verlassen an einem einsamen Orte, in großem Jammer und rief unaufhörlich die Schwester Bianca um ihren Beistand an: aber Niemand antwortete, außer dem Echo, welches von allen Seiten klagend zurücktönte. Als die Unglückliche in dieser traurigen Lage, jeder Hülfe beraubt, eine Zeitlang zugebracht hatte, kam ein Greis durch den Wald, ein wohlwollender und mitleidiger Mann. Er hörte die klagenden Töne in der Ferne, näherte sich und fand die ihrer Hände und Augen beraubte Königin, die ihr Elend bejammerte.
Als der gute Alte sie in einem so bemitleidenswerten Zustande erblickte, konnte er es nicht übers Herz bringen, sie in den Sträuchern und Dornen allein zurückzulassen, sondern, von einem väterlichen Mitgefühl bewegt, führte er sie mit sich nach Hause, wo er sie seiner Frau übergab, indem er ihr dringend anempfahl, sie ja wohl zu behandeln. Auch seinen drei Töchtern, die wie drei Sterne leuchteten, gebot er, ihr Gesellschaft zu leisten, immer freundlich zu begegnen und es ihr an nichts fehlen zu lassen.
Allein seine Frau, die ein hartes, unbarmherziges Geschöpf war, geriet darüber in gewaltigen Zorn und sagte ziemlich ungestüm zu ihrem Manne: „Was sollen wir denn aber in aller Welt mit dieser blinden, händelosen Frau machen, die gewisslich nicht ihrer Tugenden halber, sondern zum Lohne ihrer Taten so zugerichtet ist?"
„Tu' nur, was ich dir sage“, versetzte der gute Greis, „und tust du es nicht, so nimm dich in Acht, wenn ich nach Hause komme."
Also blieb die arme Biancabella bei der Frau und ihren drei Töchtern, unterhielt sich mit ihnen über dies und jenes, und während sie dabei an ihr Unglück dachte, fiel es ihr ein, eins von den Mädchen zu bitten, es möge doch so gut sein, ihr das Haar zu kämmen. Die Mutter nahm dies sehr übel auf; sie wollte durchaus nicht zugeben, dass ihre Tochter sich zur Magd erniedrige. Allein die Tochter, welche freundlicher als die Mutter war und sich erinnerte, was der Vater ihnen besohlen hatte, auch ans dem Antlitz Biancabellas etwas von ihrem hohen Stande ahnte, breitete ihre weiße Schürze vor sich hin und sing an, ganz sanft das Haar zu kämmen.
Aber sie hatte kaum angefangen zu kämmen, als Perlen, Rubinen, Diamanten und andere Edelsteine von unschätzbarem Werte aus den Locken stürzten. Bei diesem Anblick geriet die Mutter ins größte Erstaunen, bereute von ganzem Herzen ihr unfreundliches Benehmen und der Hass welchen sie früher gehegt hatte, verwandelte sich mit einmal in Liebe. Als nun der gute Alte  nach Hanse zurückkehrte, liefen ihm alle entgegen, umarmten ihn und freuten sich mit ihm, welches Glück ihnen in ihrer großen Armut zu Teil geworden sei.
Biancabella ließ hierauf einen Eimer mit frischem Wasser herbeibringen und sich das Gesicht und die verstümmelten Arme waschen, und vor den Augen Aller gingen Rosen, Veilchen und andere Blumen in Überfluss hervor. Da erschien sie Allen mehr als ein göttliches, denn als ein menschliches Wesen.
Nach einiger Zeit beschloss Biancabella wieder an den Ort zurückzukehren, wo der Greis sie gefunden hatte. Indes dieser sowohl als seine Frau und die Töchter, welche den Reichtum, den sie ihnen brachte, nicht gern verlieren wollten, suchten sie auf das Freundlichste zurückzuhalten, baten sie inständigst, nicht von ihnen zu gehen und führten ihr eine Menge Gründe an, um sie davon abzubringen.
Allein sie beharrte standhaft bei ihrem Entschluss, versprach jedoch wiederzukommen. Der Alte gab ihr also nach und ohne Zögern führte er sie an den Ort, wo er sie zuerst angetroffen hatte. Hier befahl sie ihm, sie zu verlassen und gegen Abend wiederzukehren, dann würde sie mit ihm heimgehen.
Sobald der Alte fort war, fing die unglückliche Biancabella an, im Walde hin und her zu irren und ihre Schwester Bianca in einem fort um ihren Beistand anzurufen, so dass ihr Geschrei und ihre Klagen bis in den Himmel tönten. Aber Bianca, obgleich sie ihr nahe war, ja sie niemals verlassen hatte, wollte ihr nicht antworten.
Als die arme Trostlose endlich sah, dass alle ihre Worte in den Wind geredet seien, rief sie weinend: „Was soll ich noch länger auf dieser Welt, da ich meiner Augen und meiner Hände beraubt bin und aller menschlichen Hülfe entbehre!" Und in dem Übermaß ihrer Verzweiflung, die ihr jeden Schein einer Hoffnung benahm, beschloss sie sich das Leben zu nehmen. Da sie kein anderes Mittel dazu hatte, schlug sie den Weg nach einem nahen Flusse ein, um sich hineinzustürzen und zu ertränken. Als sie aber an das Ufer gelangt und schon im Begriff war, sich hinabzustürzen, hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Halt' ein, was willst du tun? Werde nicht deine eigene Mörderin! Bewahre dein Leben für eine bessere Zukunft."
Biancabella war so erschrocken über diese Stimme, dass sich ihr Haar vor Entsetzen sträubte: da ihr Indes die Stimme bekannt schien, fasste sie wieder ein wenig Mut und entgegnete: „Wer bist du, der du in dieser Wildnis dich aufhältst?"
„Ich bin deine Schwester Bianca“, antwortete die Stimme, „die du so flehentlich angerufen hast."
Als Biancabella diese Worte hörte, rief sie in tiefer Bewegung, von Seufzern unterbrochen: „O meine Schwester, meine Wohltäterin, steh' mir bei, und wenn ich deinen Rat außer Acht gelassen habe, so bitt' ich dich jetzt, verzeih' mir, ich habe gefehlt und erkenne meinen Fehler. Aber ich habe nur aus Unwissenheit und nicht aus bösem Willen gefehlt."
Da Bianca sich von ihrer tiefen Reue überzeugte und betrachtete, wie sehr sie gemisshandelt worden war, empfand sie Mitleid, tröstete sie, so gut sie vermochte, pflückte verschiedene Kräuter, die eine wunderbare Kraft besaßen, legte sie ihr auf die Augen, fügte sodann zwei Hände an die Arme und machte so Biancabella auf der Stelle wieder heil und sehend. Nachdem dies geschehen, warf Bianca ihre Schlangenhaut von sich und ward zu einer schönen Jungfrau.
Als der Abend nahte und die Sonne schon ihre glänzenden Strahlen verbarg, während die Schatten der Nacht aufzusteigen begannen, kam auch der gute Greis mit hastigem Schritte in den Wald, wo er Biancabella neben einer andern Jungfrau sitzend fand. Da er in ihr Antlitz schaute, war er ganz erstaunt und glaubte, sie könne es nicht sein. Er überzeugte sich Indes bald und sprach zu ihr: „Wie, meine Tochter, diesen Morgen noch warst du blind und ohne Hände, wer hat dich denn so schnell geheilt?"
„Nicht ich selbst, sondern die Macht und die Liebe dieser, die hier neben mir sitzt und meine Schwester ist."
Nun standen sie auf und gingen ganz vergnügt mit dem Alten nach Hause, wo sie von der Frau und den Töchtern sehr freundlich empfangen wurden. Einige Zeit darauf begaben sich Bianca, Biancabella nebst dem Alten, dessen Frau und Töchtern nach der Stadt Neapel, um dort ihren Wohnsitz zu nehmen. Bei ihrer Ankunft bemerkten sie einen großen leeren Platz, dem Schlosse des Königs gerade gegenüber: auf diesem setzten sie sich nieder und als die Nacht gekommen war, nahm Bianca eine Rute von einem Lorbeerbaum in die Hand und schlug damit dreimal auf die Erde, indem sie einige Worte dabei aussprach, und siehe da, auf der Stelle stand der schönste und prächtigste Palast von der Welt da.
Als König Ferrandino am folgenden Morgen ans Fenster trat und ein so reiches, wunderbares Schloss erblickte, war er ganz erstaunt und rief seine Frau und seine Stiefmutter, damit sie es auch sähen. Diese aber befanden sich nicht wohl dabei, denn sie fürchteten, es könne ihnen irgend etwas Böses bedeuten. Während nun Ferrandino den Palast hin und her nach allen Seiten betrachtete und sich gar nicht satt sehen konnte, bemerkte er an dem Fenster eines der Zimmer zwei Frauen, die an Schönheit die Sonne verdunkelten. Als er sie näher betrachtete, geriet sein Herz in heftige Bewegung, denn es schien ihm, als sei die eine das wahre Ebenbild seiner Biancabella.
Er befragte sie um ihren Namen und woher sie kämen und erhielt zur Antwort, sie seien zwei Fremde aus dem Lande Persien, die mit Hab' und Gut hierher gezogen, um in dieser Stadt zu wohnen. Darauf fragte er, ob sie erlaubten, dass er mit den Frauen seines Hauses ihnen seinen Besuch abstatte; worauf sie erwiderten, dies würde ihnen zwar sehr angenehm sein, allein es schicke sich weit mehr für sie, die Untertanen, jenen ihren Besuch zu machen, als dass er, ihr Herr, nebst den Königinnen ihnen eine solche Ehre erweise, die allzu groß sei, um ihnen zuzukommen.
Ferrandino jedoch ließ sogleich die Königin nebst den andern Frauen rufen, obgleich sie, ihr nahes Verderben ahnend, nur mit Widerstreben gingen, und so begaben sie sich nach dem Palaste der beiden Frauen. Diese empfingen ihre Gäste mit Ehrerbietung und freundlichster Aufmerksamkeit und wiesen ihnen alle die schönen Gemächer, die weiten, prächtig geschmückten Säle, die Mauern von feinem Alabaster und reichem Porphyr.
Nachdem sie diesen prachtvollen und bewunderungswürdigen Palast genugsam besehen hatten, ließ Bianca eine der Töchter des Greises namens Silveria herbeiholen und befahl ihr, dem Könige zu Ehren irgend etwas zu singen. Das junge Mädchen nahm ihre Laute, setzte sich dem Könige gegenüber und indem sie anmutig in die Saiten griff, sang sie dazu die ganze Geschichte Biancabellas von Anfang bis zu Ende, doch ohne die Namen zu nennen. Als sie geendigt hatte, stand Bianca auf und fragte den König, welch' eine Strafe wohl diejenige verdiene, die ein so schweres Verbrechen begangen habe.
Die Stiefmutter, welche durch eine rasche Antwort ihre Nichtswürdigkeit zu verbergen hoffte, sagte ganz dreist, ohne abzuwarten, was der König erwidere: „Ein glühender Ofen wär' die rechte Strafe dafür!"
Da rief Bianca, vor Zorn glühender als eine Kohle im glühenden Ofen: „Du selber bist es, das nichtswürdige Weib, das einen solchen Frevel begangen hat. Ja, du elende, boshafte, verworfene Frau verdammst dich jetzt durch deinen eigenen Mund."
Hierauf wandte sie sich zum Könige und sagte mit freudigen Blicken zu ihm: „Hier ist deine Biancabella, hier ist deine teure Gemahlin, welche du so zärtlich liebtest, hier ist die, ohne welche du nicht leben konntest."
Und zum Beweise befahl sie den drei Töchtern des Greises, in Gegenwart des Königs der Biancabella das Haar zu kämmen, worauf Perlen und kostbare Edelsteine aus ihren goldenen Locken fielen und aus ihren Händen Rosen und Veilchen. Endlich zum vollkommnen Beweise entblößte Bianca noch den Hals ihrer Schwester, der mit einer feinen Goldkette umschlungen war, die zwischen Fleisch und Haut hervorleuchtete, wie durch Kristall.
Ais der König aus diesen sicheren und augenscheinlichen Anzeichen erkannt hatte, dass es seine Gemahlin Biancabella sei, weinte er Freudentränen und umarmte sie aufs Zärtlichste. Sodann ließ er einen Ofen glühend machen und die Stiefmutter nebst ihrer Tochter hineinwerfen. So trugen sie den gerechten Lohn ihres Verbrechens davon. Die drei Töchter des Greises aber wurden anständig verheiratet und Ferrandino lebte mit seiner Biancabella viele Jahre glücklich und vergnügt und hinterließ bei seinem Tode das Reich seinen Kindern.


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Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

 

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