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Der Kobold - Französische Märchen

Der Kobold

„Bleibt bei dem Ofen“, sagte die alte Margarethe zu ihren sieben Enkeln, „bleibt bei dem Ofen, der Mistral weht so heftig, dass unser Haus wankt; überdies ist heute Abend Feensabbat, und die Kobolde, die ihnen gehorchen, verlassen ihre Wohnungen und kommen in tausend Gestalten, die Leichtgläubigkeit der Menschen zu verhöhnen."

„Was, ich soll hier bleiben!“, sagte der älteste von den jungen Leuten, „nein, ich muss hingehen und sehen, was die Tochter Jacobs, des Seilers, macht. Sie würde ihre großen blauen Augen die ganze Nacht nicht schließen, wenn ich nicht zu ihrem Vater käme, ehe der Mond untergegangen ist."

„Ich muss Krabben und Igel fangen“, rief der zweite, „und alle Feen und Kobolde auf der ganzen Welt sollen mich nicht daran hindern."

So wollten sie alle an ihr Geschäft oder ihr Vergnügen gehen und verschmähten den weisen Rat der alten Margarethe; nur der jüngste zögerte einen Augenblick, als sie zu ihm sagte:

„Bleib' du hier, mein kleiner Richard, und ich will dir schöne Geschichten erzählen."

Aber er wollte sich einen Strauß von Thymian und Primeln im Mondschein pflücken und lief fort mit den andern.

Als sie aus der Hütte waren, sagten sie: „Unsere Alte spricht immer von Wind und Sturm und nie war das Wetter schöner und der Himmel klarer; seht, wie majestätisch der Mond in den durchsichtigen Wolken einherschreitet." Sie bemerkten darauf ein kleines schwarzes Pferd, das ganz nahe bei ihnen war.

„Ach, ach“, sagten sie, „das ist des alten Valentins Pferd, das aus dem Stalle gelaufen ist und ohne seinen Herrn in die Schwemme trabt."

„Mein kleines hübsches Pferd“, sagte der älteste, das Tier mit der Hand klopfend, „du sollst dich nicht verlaufen, ich will dich selbst in die Schwemme führen."

Darauf schwang er sich ihm auf den Rücken und einer seiner Brüder lachte darüber und tat dasselbe, ihm folgte der dritte; kurz, sie bestiegen es alle, selbst der kleine Richard, der seinen älteren Brüdern nicht nachstehen wollte.

Als sie der Schwemme zuritten, luden sie alle ihre jungen Bekannten, die ihnen begegneten, ein, aufzusitzen, und diese taten es unvorsichtiger Weise auch, so dass das kleine schwarze Pferd, dessen Rücken sich ausgedehnt hatte, endlich mehr als dreißig trug, trotz dem aber nur desto lustiger vorwärts lief.

Es fing nun an in sanftem Trab zu laufen, aber das junge Volk schlug ihm die Seiten mit den Fersen und rief: „Galoppiere, Pferdchen, du hast nie so gute Reiter getragen."

Während dessen hatte der Wind wieder angefangen zu stürmen; sie hörten das Toben des Meeres, und das Pferdchen, anstatt nach der Schwemme zu trotten, trabte ohne Furcht vor dem Lärm, den die See machte, dem Ufer zu.

Richard fing an seinen Thymian und seine Primeln zu bereuen, und der älteste der Brüder packte das Pferdchen bei der Mähne und suchte es zum Umkehren zu zwingen, indem er an die blauen Augen der Tochter Jacobs, des Seilers, dachte: aber umsonst, das Pferd trabte immer gerade aus, bis die Welle kam und seinen linken Fuß benetzte. Es wieherte lustig, wie die Pferde der Menschen zu tun pflegen, wenn sie schönen Hafer vor sich haben oder bei einer ganz weißen jungen Stute sind, und sprang, statt still zu stehen, nur desto schneller in die See.

Als das Wasser den armen Kindern bis an den Leib trat, warfen sie sich ihre Unvorsichtigkeit vor und riefen: „Das verdammte kleine schwarze Pferd ist behext. Hätten wir den Rat der alten Margarethe befolgt, so wären wir nickt verloren."

Je weiter das Pferd trabte, desto höher stieg die See. — Endlich trat sie ihnen über den Kopf und sie ertranken alle jämmerlich.

Gegen Morgen ging die alte Margarethe aus, besorgt über das Schicksal ihrer Enkel. Sie suchte sie überall, ohne sie finden zu können, und fragte alle ihre Nachbarn, aber sie erfuhr nichts, ausgenommen, dass der älteste nicht bei der blauäugigen Tochter Jacobs, des Seilers, gewesen sei.

Als sie ganz traurig nach Hause zurückkehrte, sah sie ein kleines schwarzes Pferd ihr entgegenkommen, das Sprünge und Kapriolen machte. — Als es ihr nahe war, fing es an lustig zu wiehern und lief so schnell, dass es in einem Augenblick ihr aus dem Gesichte war.

Märchen der Welt, nach einer Übersetzung von Dr. Kletke, 1846, mit angepasster Schreibweise.

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